BLOG-EINTRÄGE 2012


Samstag, 19. Mai 2012

Scharmützel über die Reuss 

Seit 1847 erlebte unser Land keinen Bürgerkrieg mehr. Zuvor aber wurde seit dem 15. in jedem Jahrhundert mindestens ein innereidgenössischer Krieg ausgetragen. Einer der blutigsten war jener von 1712, der als Toggenburgerkrieg oder – vor allem im Aargau – als der Zweite Villmergerkrieg in die Geschichtsbücher Eingang gefunden hat. Kriegsanlass war die harte Behandlung der Toggenburger durch ihren Landesherrn, den St. Galler Fürstabt Leodegar Bürgisser. Strategisch aber ging es für Zürich und Bern darum, ihren Gegnern Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug eine Ost-West- Landverbindung abzutrotzen. Bis 1712 beherrschten nämlich die Fünf Orte einen durchgehenden Gebietsstreifen von Luzern bis an den Rhein bei Laufenburg bzw. Zurzach und trennten dadurch die beiden evangelisch-reformierten Grosskantone. Die Innerschweizer Katholiken und ihre Badener und Freiämter Mitstreiter wollten diesen Durchbruch verhindern und den katholischen Korridor erhalten. Angesichts dieser Lage erstaunt es nicht, dass der Krieg an der damaligen Ostgrenze der Republik Bern begann: an der Reussfähre zwischen Windisch und Gebenstorf. Die Badener fürchteten an dieser Stelle einen Übergang der Berner Armee. Den reformierten Einwohnern in der Grafschaft Baden trauten sie – wie dies bei Bruderkriegen mit konfessionellem Unterton stets ähnlich der Fall ist – nicht und liessen sie die Härte des Krieges spüren. In den Worten eines zeitgenössischen Berichts vom 13. Mai 1712: «Als die Katholischen [von Baden] nach Gebenstorf kamen, haben sie die Häuser der Reformierten geplündert, den Prädikanten und Sigrist mit sich weggenommen, doch bald wieder losgelassen. Darauf zogen sie nach dem Fahr, schnitten daselbst das Seil ab, schossen stark über die Reuss auf die bernerische Wacht und erlegten eine [Person] von Brugg, worauf die Berner auf Königsfelden und Brugg auch Lärmen machten, die Garnison von dannen mit 2 Feldstükken gleich herzueilte und auf den Feind kanonierte, 3 Offiziere und 3 Gemeine erlegte und den Feind wiederum auf Baden zurück trieb.» Ob die Berner ursprünglich bei Windisch übersetzen wollten, ist höchst zweifelhaft, denn um sich mit den Zürchern zusammenzuschliessen hätten sie auf diese Weise Reuss und Limmat überwinden müssen. Über beide Flüsse verfügten sie jedoch – mit Ausnahme der Limmatbrücke in der Stadt Zürich selbst – über keinen eigenen sicheren Übergang. Die Berner entschlossen sich jedenfalls zu einer amphibischen Operation über die Aare. Sie schifften in Brugg auf zwölf Schiffen ein, landeten vis-à-vis von Stilli und stürmten die dort von den Badenern angelegte, bereits halb verlassene Schanze. Damit hatten sie das Ziel erreicht. Später emächtigten sich Zürich und Bern auch der Städte Mellingen, Bremgarten und Baden, welche von nun an bis zur französischen Invasion unter Zürcher und Berner Herrschaft blieben. Dass bei diesem bernischen Vorstoss dann auch die bisher verschonten Häuser der Gebenstorfer Katholiken geplündert wurden, versteht sich. Die Zweite Schlacht bei Villmergen, ein bernischer Sieg, besiegelte machtpolitisch diese neue Ordnung. Sieger und Verlierer waren angetreten für ihre innerste Überzeugung, ihren Glauben. Wir alle sind die Erben beider Parteien von damals, denn beide haben das Land mit geprägt. So gilt auch für die, welche beidseits der Reuss 1712 zu den Waffen griffen, was der Villmerger Denkmalstein schon länger als ein halbes Jahrhundert verkündet:

LASST UNS HEUTE IHRER IN LIEBE
GEDENKEN/UND LASST UNS NIE
MÜDE WERDEN ZU VERSÖHNEN /
WO IMMER ENTZWEIUNG DROHT

Windisch, 19. Mai 2012                                    Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 12. Mai 2012

Ferne Erinnerungen

Am Nil sind leicht abgewandelte vertraute Parolen wieder zu hören, „ash shab yurid isqat al mushir“, „das Volk wünscht den Sturz des Marschalls“. Hier hat in der Dämonologie der Demonstranten Marschall Tantawi, der Präsident des Hohen Rats der Streitkräfte, den gestürzten Präsidenten Mubarak abgelöst.  Nun ist Macht eine potente Droge und Tantawi mag sie schon so lange genossen haben, dass ihm der bevorstehende Entzug schwer fällt. Wenigstens hegen die Demonstranten offenbar solche Befürchtungen. Aber die Furcht und die Hoffnung, wenn diese denn bestehen sollte, sind kaum begründet: Der Hohe Rat der Streitkräfte würde eine Annullierung der ägyptischen Präsidentenwahlen wohl kaum mehr als einige Wochen ohne offenen Bürgerkrieg überstehen und der neue Präsident, wer immer es sein wird, wird schon aus institutionellen Gründen die Macht des Hohen Rats der Streitkräfte einschränken. Der ägyptischen Armee ist mit zu verdanken, dass die Revolution des 25. Januar 2011 – ganz im Gegensatz etwa zum Zeitlupen-Bürgerkrieg in Syrien – gemessen an der Bevölkerungszahl und an der Grösse des Landes relativ unblutig und relativ rasch über die Bühne gegangen ist. Schon deshalb ist zu erwarten, dass die Soldaten in einem Land auf dem Weg zur Demokratie noch lange eine starke und ehrenvolle Stellung einnehmen werden. Das setzt freilich voraus, dass vor der unvermeidlichen Übergabe der Staatsmacht an die vom Volk gewählten Behörden nicht noch sehr viel Blut vergossen wird. Es kann dazu kommen, aber eine durch Wahlannullierung, also durch Staatsstreich etablierte Ordnung dürfte nicht lange dauern. Die Zeit der Staatsstreiche ist nun einmal vorbei und Militärdiktatoren wie etwa Qadhafi sind nur noch ferne Erinnerungen.

Windisch, 12. Mai 2012                         Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 5. Mai 2012

Dunant-Moynier: Zwei Schweizer im Kampf um den ersten Friedensnobelpreis

Im Jahre 1901 wurde der erste Friedensnobelpreis vergeben, je zur Hälfte an den französischen Pazifisten Frédéric Passy und an den Initianten des Roten Kreuzes Henry Dunant. Nun hatte Dunant in den 1860er Jahren in Genf Konkurs gemacht und damit Verluste verursacht. Dergleichen wird an der Rhone nur sehr schwer verziehen, Dunant verliess die Stadt und fand, Jahrzehnte später, in Heiden AR eine Zuflucht. Aber auch dort war er vor seinem alten Kollegen Gustave Moynier nicht sicher. Moynier hatte in rastloser Tätigkeit das IKRK aufgebaut, gleichzeitig aber auch eine konstant ablehnende Haltung gegenüber  Dunant eingenommen, diesen richtiggehend ausgegrenzt. Als Moynier vom Plan der Nobelpreisverleihung an Dunant erfuhr, setzte er, auch persönlich am Preis interessiert, das IKRK in Marsch, um das ihm unerwünschte Ereignis zu verhindern. Es gelang ihm angesichts der damals schon weltweiten Berühmtheit des Pioniers nicht. Nun könnte man das Ereignis als längst vergangenen Kampf zweier Rivalen abtun und die Schweizer Briefmarkenausgabe vor zwei Jahren, die, aus Anlass des 100. Todestages beider, sowohl an Dunant als auch an Moynier erinnerte, als letzte Fussnote dazu betrachten. Das wäre aber verkehrt, wie ein von Charles Pfersich herausgegebener neuer Quellenband beweist: Dunant-Moynier, un Prix Nobel peut en gâcher un autre, Lenzburg: Merker, 2012, ISBN 978-3-85648-140-7. Charles Pfersich hat erstmals umfassend die in Oslo archivierten Akten des Nobelkomitees gehoben und legt sie in gedruckter Form vor. Bei der Lektüre zeigt sich sogleich, dass ganz moderne Konzepte der politischen Kommunikation eine bedeutende Rolle spielten. Dunant war für das Komitee ein Kandidat ganz nach Wunsch: Der Friedensnobelpreis war neu und mit dem bereits berühmten Gründer der Roten Kreuzes konnte die Messlatte in erwünschter Höhe fixiert werden. Gewiss, man hätte den Preis ja auch zwischen Dunant und Moynier teilen können, aber das verhinderten zwei wichtige Gründe. Moyniers Haltung gegenüber Dunant war zu bekannt und mit der angestrebten Aura des Preises schwer vereinbar. Dazu kam der Kongo:  Moynier war von 1890 bis 1904 Generalkonsul und von 1904 bis 1910 Honorargeneralkonsul des Unabhängigen Kongostaates in Genf. Selbstverständlich ist ein Generalkonsul nicht verantwortlich für das, was im Land geschieht, das er konsularisch vertritt. Und doch konnte eine kongolesische Assoziation dem Nobelkomitee nicht willkommen sein in einer Zeit, in welcher ein Joseph Conrad von „Heart of Darkness“ schrieb (1899) oder in einem Blatt des Zürcher Oberlandes durchaus zeittypisch der Kongo „Raubmordstaat“ (1908) genannt wurde. So ging Moynier leer aus. Das IKRK als Institution hat den Preis, allein oder in Gemeinschaft, dann 1917, 1944 und 1963 erhalten, und in seinem segensreichen Wirken leben die Taten des Gründerpräsidenten Guillaume-Henri Dufour und von Louis Appia und Théodore Maunoir weiter, welche zusammen mit dem Pionier Henry Dunant und dem Organisator Gustave Moynier vor rund anderthalb Jahrhunderten ein Werk schufen, dessen die Welt heute stärker bedarf als jemals zuvor.

Windisch, 5. Mai 2012                          Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 28. April 2012

Pharao auf dem Weg in die Geschichtsbücher

Die ägyptischen Präsidentenwahlen werden wohl am 23. und 24. Mai 2012 stattfinden. Gewiss, mit Frivolitäten haben die vorübergehenden institutionellen Machthaber am Nil, eine Gruppe von Generälen  und Richtern, die drei aussichtsreichsten Kandidaten disqualifiziert, den früheren Vizepräsidenten Umar Sulaiman, Khairat ash Shatir von den Muslimbrüdern und den Salafisten Hazim Salah Abu Ismail. Weil die Classe Politique ganz offensichtlich Angst davor hat, dass das in seiner Mehrheit gläubige und ordnungsliebende Volk entweder einen Islamisten wie Shatir oder Ismail wähle oder dann aus Angst vor der Anarchie das vertraute Gesicht des früheren Nachrichtendienstchefs Sulaiman. Nun werden klar zweitrangige Kandidaten wie der frühere Muslimbruder Abd al Munim Abu Futuh Abd al Hadi oder der Ersatzkandidat der Muslimbrüder Muhammad Mursi oder der alte Aussenminister des gestürzten Präsidenten Mubarak und nachmalige Generalsekretär der Arabischen Liga Amr Musa das Rennen unter sich ausmachen. Überzeugen sie? Schwer zu sagen. Werden sie die gigantischen Probleme Ägyptens lösen? Kaum. Und doch sind diese Namen ein Fortschritt. Niemand weiss, wer gewählt wird, die Wahl hat tatsächlichen Entscheidcharakter. Auch wenn der Weg zu einer Demokratie, die den Namen verdient, noch lang ist, so ist er doch in Angriff genommen, der Pluralismus setzt sich durch, der letzte Pharao ist auf dem Weg über das Gefängnis in die Geschichtsbücher. Die Freiheit ist auf Eroberungszug im Orient, daran kann kaum ein vernünftiger Zweifel bestehen.

Windisch, 28. April 2012                       Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 21. April 2012

Der Geist von Jegenstorf 

Jegenstorf gehört zu den Stätten mit einer besonderen Ausstrahlung: Miteigentümer des Schlosses war einst der Sieger von Laupen Rudolf von Erlach. Sein mehrfach umgestalteter Sitz diente Jahrhunderte später General Henri Guisan als letztes Hauptquartier im Aktivdienst. So schwingt, über das altbernische Wohnmuseum und den seltene Arten präsentierenden Garten hinaus, bei einem Besuch immer auch Schweizer Geschichte mit. Wer im so genannten Schlosskafi einkehrt, kann darüber nachdenken; er tut jedenfalls auch Gutes: Eine Gruppe initiativer Frauen hat seit mehr als anderthalb Jahrzehnten das alte Waschhäuschen gemietet und betreibt dort ein Café, dessen ganzer Gewinn wohltätigen Zwecken zufliesst, wie etwa der Berghilfe. Initiativen dieser Art stärken beim Patrioten Vertrauen in die Solidität schweizerischer Werte. So zieht auch unser Blog gern den Hut vor dem Geist von Jegenstorf und vor den Stauffacherinnen, die ihn verkörpern! 

Windisch, 21. April 2012                    Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 14. April 2012

Vom Nutzen der Banquiers

Banquiers sind spätestens seit der Vermittlung des Kapitals für die phönizischen Handelsschiffe vor rund drei Jahrtausenden eine Notwendigkeit zivilisierter Existenz. Es ist durchaus möglich, Ersparnisse in Form von gehortetem Edelmetall zu vergraben auf der einen Seite und auf der anderen Seite das nötige Geld für gewerbliche oder kommerzielle Initiativen nicht zusammenzubringen. Die Angst vor der beinharten Hand der politischen Macht  und auch, sekundär, vor privaten Räubern, hat durch die Geschichte oft genug zu solchen Ergebnissen geführt, die niemandem erwünscht sein können als, jeweils einige Jahrhunderte später, den Archäologen. Banquiers vermitteln Ersparnisse dorthin, wo sie sinnvoll investiert werden und ermöglichen so den Sparern, einen Ertrag anzustreben und den Unternehmern, sich zu finanzieren. Wenn Banquiers nun aber so nützlich sind, warum sind sie heute, auch in unserem Vaterland, so ungemein verhasst? Die Vermittlerrolle hat den Banken Macht gebracht und, von der Macht nicht zu trennen, Neid. Damit müssen sie leben, wir Aussenstehende auch. Was wir aber verlangen können ist, dass sie zu sich selber schauen und nie mehr – wie in der Finanzkrise geschehen - mit der hohlen Hand auf den Steuerzahler zukommen, der ihre Fehler mit seinem Geld decken soll. Denn weder die Fehler selbst, die immer vorkommen können, noch die hohen Gehälter, welche die Aktionäre ohnehin schon – über die Wahl der Verwaltungsräte - bestimmen, haben den vorhandenen Hass entstehen lassen, wohl aber die frivole Vorstellung, wer nur gross genug sei, dürfe gar nicht mehr untergehen, sondern müsse durch die politische Macht, also den Steuerzahler, gerettet werden. Das ist keineswegs so und wenn die neuen, schärferen, Vorschriften nicht genügen und sich der Bettelgang unseligen Angedenkens wiederholt, wird sich die Frage stellen, ob man, was zu gross ist, nicht von Staats wegen verkleinern müsse. Die Aufspaltung der Grossbanken ist keineswegs anzustreben, ob sie aber vermieden werden kann, wird die Zukunft zeigen. Hoffnung ist zulässig, wenn die Akteure sich besinnen und sich als das benehmen, was jeder zivilisierten Ordnung zur Zierde gereicht, als Banquiers!

Windisch, 14. April 2012                       Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 7. April 2012

Verliert das chinesische Volk die Geduld?

Seit dem 23. Januar 2012 stehen wir im chinesischen Jahr des Drachen. Für nüchterne Westler wie die Autoren dieses Blogs ist das eine neutrale Feststellung ohne versteckte Bedeutung.  Im Osten steht der Drachen für Macht und Glück, aber auch für unberechenbar Übernatürliches. Folklore? Gewiss, aber nicht nur. Denn wenn handelnde Personen an die gute Vorbedeutung eines Jahres glauben, kann in diesem Jahr aufgrund ihres Handelns tatsächlich Besonderes geschehen. Und in der Tat hat ein seltsamer Reigen von Ereignissen im Reich der Mitte begonnen: Der Polizeichef von Chongqing, Wang Lijun, ein Kämpfer gegen das organisierte Verbrechen, wurde, kaum hatte das Drachenjahr begonnen, abgesetzt, flüchtete ins amerikanische Konsulat in Chengdu, erhielt kein politisches Asyl und ergab sich am Ende den belagernden chinesischen Sicherheitskräften. Ob ein Zusammenhang mit dem enigmatischen Tod des enigmatischen britischen Chinaspezialisten Neil Heywood (gestorben im November 2011 in Chongqing, angeblich an einer Überdosis Alkohol oder einem Herzinfarkt) besteht, bleibe dahingestellt. Sicher ist, dass Heywood die Familie des links politisierenden Parteichefs und Politbüromitglied der Kommunistischen Partei Chinas Bo Xilai ein wenig beraten hatte. Unsicher ist, ob alle Familienangehörigen über die Beratung durchwegs glücklich waren.  Jedenfalls verlor Bo Xilai am 15. März seinen Posten, nachdem ihn Premierminister Wen Jibao öffentlich kritisiert hatte. Viel mehr zu wissen, ist schwierig, dass aber ein heftiger Machtkampf zwischen verschiedenen Gruppen innerhalb der chinesischen KP im Gange ist, kann kaum bezweifelt werden. Die kleine Frage, die sich stellt, ist: Wer gewinnt? Die grosse Frage: Wird das chinesische Volk ein weiteres Mal zusehen und gehorchen? Oder verliert es vorher die Geduld wie immer wieder (und seit letztem Jahr häufiger) Völker die Geduld mit ihren Herrschern verloren haben? Die Antworten auf diese Fragen werden für uns alle von einer gewissen Bedeutung sein.

Windisch, 7. April 2012                         Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 31. März 2012

Schrei nach Freiheit

Der Geist der Freiheit ist aus der Flasche: Nach der tunesischen und ägyptischen brachen 2011 die libysche und die syrische, auch die jemenitische und bahrainische Revolution aus und andere sind ihnen bereits gefolgt oder werden ihnen in nicht allzu ferner Zukunft noch folgen. Die orientalische Despotie hat als Herrschaftsmodell ausgedient, auch wenn einige durch Öl reich gewordene alte Herren und andere an verschiedenen Varianten der Diktatur persönlich Interessierte dies noch nicht begriffen haben. Samar Yazbeks „Schrei nach Freiheit“ (München: Nagel & Kimche, 2012 ISBN 978-3-312-00531-4) bringt es, für Syrien, auf den Punkt, wenn sie sagt, „dass die Menschen nicht aufhören werden zu protestieren, nicht an den Punkt vor dem 15. März (2011) zurückkehren werden.“ (Seite 136) Das syrische Regime foltert und schlägt und tötet friedliche und unfriedliche Demonstranten. Dafür ist das einerseits auf eigenem Erleben zwischen März und Juli 2011, andererseits auf Interviews mit Augenzeugen aufbauende Buch ein erschütterndes Zeugnis.  Repression ist in Syrien ja nichts Neues: Vater Hafiz al Asad und Onkel Rif‘at al Asad schlugen einen sunnitischen Aufstand in Hama 1982 mit eiserner Faust nieder. Das Muster für Präsident Bashar al Asad ist damit gegeben. Aber anders als damals können die Geschehnisse heute besser dokumentiert werden (und sei es mit  USB-Sticks, welche über die türkische oder libanesische Grenze geschmuggelt und aufs Internet geladen werden). Vor allem aber hat eine viel grössere Zahl von Menschen keine Angst mehr vor dem Tod. Es wäre falsch, dem atmosphärischen Bericht der allein erziehenden alawitischen Mutter und Medienschaffenden Samar Yazbek die Last einer Gesamtgeschichte der syrischen Revolution aufzubürden, vor uns liegt ein ganz persönliches, aber auch ein inhaltlich reiches, vor allem den Westen und Süden des Landes dokumentierendes Zeugnis. Die der Wahrheit verpflichtete Autorin („alle Seiten in diesem Konflikt jagen mir Angst und Schrecken ein“, Seite 137) ist von ihrer eigenen alawitischen Gemeinschaft verstossen, von der zum Islamismus tendierenden sunnitischen Mehrheit nicht durchwegs akzeptiert worden („Du Ungläubige ohne Kopftuch … ketzerische Alawitin“ ,Seite 108). Und doch kann sie sagen: „Der Aufstand hat mir meinen Glauben an das Leben … wiedergegeben.“ (Seite 156) Sie bezeugt so, dass wahres Leben nur freies Leben sein kann und dass frei ist, wer frei sein will. Skepsis auch eigenen Haltungen gegenüber gehört mit zur Freiheit. So ist, auf der zweitletzten Seite dieses Buches, die zeitlose Frage zu lesen: „Wer von uns ist, was er sein will?

Windisch, 31. März 2012                                   Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 24. März 2012

Vorsicht als Schutz vor Arroganz

Arroganz ist eine Form der Dummheit: Weil man ein- oder zweimal offensichtlich klüger gewesen ist, als ein Mitmensch, schliesst man, den meisten Mitmenschen in der Regel etwas vorauszuhaben. Anzeichen solchen Denkens sind in den letzten Jahren bei der Wall-Street-Firma „Goldman Sachs“ aufgetreten. Ein auch in diesem Blog registriertes Alarmsignal war im November 2009 die Bemerkung des Firmenchefs Lloyd Blankfein zu einen Reporter der Londoner Times, er tue Gottes Werk („doing God’s work“). Fast zweieinhalb Jahre später ist nun ein ehemaliger Goldman-Sachs-Vizepräsident namens Greg Smith hervorgetreten und hat als Insider Sitzungen zu Derivaten geschildert, in denen es darum gegangen sei, Elephanten zu jagen, das heisst Kunden auszunehmen. Nun mag sich ja Blankfein 2009 versprochen, nun kann Smith 2012 ein allzu farbiges und vielleicht einseitiges Bild entworfen haben. Die nicht ganz so seltenen, hier übergangenen, weiteren Anzeichen täuschen den Betrachter möglicherweise ebenfalls, hat doch der Erfolg zu allen Zeiten seine Neider gehabt. Dazu kommt, dass eine Firma mit rund 30‘000 Mitarbeitern nicht anhand einiger weniger Äusserungen beurteilt werden sollte. Und doch bleibt, stellen wir auch diese Vorbehalte voll in Rechnung, kein ganz gutes Gefühl zurück. Aufmerksamkeit scheint vielmehr angezeigt, wenn man an die Macht der Firma und an den gegenwärtigen Einfluss ehemaliger Goldman-Sachs-Leute denkt, von denen hier der Chef der Europäischen Zentralbank Mario Draghi und der italienische Ministerpräsident Mario Monti als Beispiele genannt seien. Vor allem aber wird es wohl gelten, sich vorzusehen und in der Verantwortung für ein Gemeinwesen, eine Familie oder auch nur für die ganz persönliche Altersvorsorge immer an die Möglichkeit zu denken, dass die Interessen des beratenden Gegenübers andere sein können, als die eigenen Interessen. Es wird gefährlich, wenn wir uns auf Vorschläge einlassen, die wir nicht selber vollständig verstehen und von deren Nutzen für uns wir nicht überzeugt sind. Es mag sein, dass dem Nicht-Spezialisten durch solche Zurückhaltung der eine oder andere unverstandene Gewinn entgeht. Solange wir verhindern können, ausgenommen zu werden, ist solche Vorsicht denjenigen Preis wert, welchen wir für Schutz vor Arroganz zu bezahlen bereit sind.

Windisch, 24. März 2012                       Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 17. März 2012

Demokratie und Selbstbestimmungsrecht  

Die Demokratie als universelles Ideal, zu dem wir uns gern und überzeugt bekennen, setzt das Selbstbestimmungsrecht der Völker zwingend voraus. Von allen Arten der Despotie ist Fremdherrschaft die schlimmste. Mag der fremde Herrscher noch so aufgeklärt und liberal sein, am Ende will jedes Volk in seinem eigenen Haus Meister sein und hat darauf sein gutes Recht. Unsere Vorfahren haben die Erfahrung gemacht: Bei allen theoretisch fortschrittlichen Gedanken und zum Teil auch praktischen Errungenschaften der Helvetischen Republik, man denke an den damals eingeführten Schweizer Franken, konnte die Helvetik in der ganzen Dauer ihrer Existenz von 1798 bis 1803 nie wirklich die Zuneigung der Mehrheit des Schweizer Volkes gewinnen. Sie wurde stets, weitgehend zu Recht, als Instrument der französischen Fremdherrschaft betrachtet. Ein halbes Menschenalter später, vom Offiziersfest von Langenthal 1822 und dem Schützenfest von Aarau von 1824 an, verbreitete sich das den eidgenössischen Traditionen entsprechende demokratische Gedankengut und eroberte das Land innert weniger Jahre vollständig. Seither empfinden Schweizerinnen und Schweizer so demokratisch, dass Demokratie und Schweiz fast als Synonyme gebraucht werden. So jedenfalls verstand schon Victor Hugo sein unsterbliches Wort: „La Suisse dans l’histoire aura le dernier mot.“ Die wichtigste Lehre daraus ist gewiss, dass eine von aussen auferlegte Demokratie eine Unmöglichkeit ist, dass, um zu dauern, diese Staatsform sich aus jedem Volk selbst heraus entwickeln muss und dass eine ausländische Intervention leicht dazu führen kann, dass ein Prozess verzögert wird, der sonst schneller ablaufen würde. Wie viel der Mensch aus der Geschichte lernt, ist strittig, aber Anwendungsfelder dieser historischen Lehren gibt es wahrlich zur Stunde genug! 

Windisch, 17. März 2012                       Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 10. März 2012

Beresina 200: Lebendige Tessiner Tradition

Zweihundert Jahre werden es im November dieses Jahres sein seit der denkwürdigen Schlacht an der Beresina von 1812. Eine Tessiner und insbesondere Blenieser Tradition erinnert bis heute daran, die das Waffenkleid jener Epoche tragenden Milizen von Aquila und Leontica, ihre in schweizerische Ordonnanz eingekleideten Kameraden von Ponto Valentino. Erano uomini, erano soldati quelli che erano entrati e chi si dirigevano verso l’altare! Männer, Soldaten, danken für die Errettung aus der napoleonischen Katastrophe im Russland von 1812. Das Gelübde ist von  Annina Volonterio in dichterischer Freiheit geschildert worden, an der inneren Wahrheit ist aber kaum zu zweifeln. Herausgewachsen aus einer Zeit, in der einem grossen Teil des gemeinschaftlichen Erlebens religiöser Charakter eignete, trugen die Milizen lange, und tragen sie im Kern bis heute, bruderschaftliches Wesen. Der Milizionär leistet ganz persönlich und gleichzeitig in Gemeinschaft mit seinen Kameraden einen Beitrag zum Fest Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, der Madonna del Rosario, Johannes des Täufers, der Kirchenpatrone von Ponto Valentino, von Aquila, von Leontica. Das war an sich nichts vollkommen Aussergewöhnliches, Ähnliches existierte auch andernorts. Speziell aber ist die zähe Blenieser Tradition des Gelübdes im russischen Feldzug, die wiederholte Elevation dieser Tradition in den für die Schweiz gefahrvollen Jahren des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges – so zum 150-Jahr-Jubiläum 1962 durch Meinrado Devittori und später durch Pio Guidicelli – und schliesslich die ungebrochene Lebenskraft des Brauchtums in den drei Gemeinden. Ein geplantes Erinnerungswerk bettet die Geschichte der drei Korps ein in die Tradition der Bruderschaften und der für die Zeit von Mediation und Restauration besonders typischen Freude an militärischer Repräsentation. Der 1803 gegründete Kanton Tessin verband von Anfang an die Förderung militärischer Aktivitäten mit Bestrebungen, sie unter staatlicher Kontrolle zu behalten. Milizen waren zwar erlaubt, mussten aber eine klar erkennbare Hierarchie aufweisen, sie konnten drei Kandidaten vorschlagen, aber die Regierung wählte aus diesen drei Nominierten den Kommandanten aus. Das Auf und Ab von etwas grosszügigerer  Förderung und verschärfter Kontrolle war in der Folge ein Spiegel der Tessiner und der Schweizer Geschichte. Es erstaunt zum Beispiel keineswegs, dass die Wogen im Kulturkampf etwas höher gingen. Letztlich unlösbar ist die Spannung zwischen dem für die Miliz grundlegenden Gedanken, dass das Volk als Inhaber der obersten Gewalt auch die letzten Mittel, die Waffen, in der Hand behalten muss, und der Angst der Behörden vor Missbräuchen und Unordnung und, oft durch solche Argumente dürftig versteckt, der blanken Lust an der Ausübung von Macht. Hier das Gleichgewicht immer wieder zu finden ist eine Daueraufgabe der direkten Demokratie schweizerischer Prägung. Besonders gewürdigt werden sollen im geplanten Buch, angesichts der Tradition, die vier in den Jahren 1803 bis 1806 gebildeten Schweizer Regimenter im Dienste des französischen Kaisers Napoleon I. Sie nahmen alle am Feldzug des Korsen gegen Russland von 1812 Teil. Strategisches Ziel war, den russischen Kaiser Alexander I zur Beteiligung an der Kontinentalsperre gegen Grossbritannien zu zwingen. Mit dieser Verwandlung von Russland in eine Art französisches Protektorat sollten die Briten, die den Franzosen auf dem Meer bei Abukir und Trafalgar, auf dem Land bei Maida, Porto und Torres Vedras klare Grenzen gesetzt hatten, zu einem Frieden auf der Grundlage der französischen Hegemonie gezwungen werden. Es ging um nicht viel weniger als um die Weltherrschaft und der grosse Einsatz wurde in der ganzen damals schon Zeitungen lesenden Welt auch so wahrgenommen. Entsprechend schwer fiel Napoleon der durch die Umstände (ungebrochener russischer Widerstand, herannahender Winter) erzwungene Entscheid, in Moskau umzukehren. Conrad Ferdinand Meyer sah wohl den Kern der Sache, als er „Napoleon im Kreml“ dichtete:

Er nickt mit seinem grossen Haupt
Am
Feuer eines fremden Herds:
Im
Traum erblickt er einen Geist,
Der seines Purpurs
Spange löst.

Der
Dämon schreit mit wilder Gier:
"Mich lüstet nach dem roten Kleid!
In ungezählter
Menschen Blut
Getaucht, verfärbt der
Purpur nicht!"

Die beiden rangen
Leib an Leib.
"Gib her!" "Gib her!" Der Dämon fleucht
Mit spitzen Flügeln durch die
Nacht
Und schleift den Purpur hinter sich.

Und wo der Purpur flatternd fliegt,
Sprühn Funken, lodern Flammen auf!
Der Korse fährt aus seinem Traum
Und starrt in Moskaus weiten Brand.

Die Schweizer Regimenter waren (im Unterschied zu einigen wenigen in anderen Korps dienenden Eidgenossen) nicht nach Moskau gekommen, sie hatten Anteil an der Flankenhut in Polozk und an den dortigen Schlachten im Sommer, im Herbst dann am Übergang der Trümmer der Grande Armée über die Beresina und an der Verteidigung des Brückenkopfs. Für diese Aufgabe wurden die Schweizer Truppen Napoleons in ihrer Substanz geopfert, vier Regimenter schmolzen zu  vier Detachementen von insgesamt vielleicht 200 einsatzbereiten Soldaten zusammen.  Die Ereignisse wirkten in mannigfacher Weise und lange nach, neben Annina Volonterio und Conrad Ferdinand Meyer hat sich auch ein Rudolf von Tavel an ihre literarische Verarbeitung gemacht. Das von Thomas Legler am Schlachttag , 28. November 1812, angestimmte Lied ging als Beresinalied ins allgemeine schweizerische Liedgut ein. Auch das anonyme Kaiser der Napoleon mit seinem einfachen, klaren Urteil über den Ausgang des russischen Abenteuers von 1812 wird immer noch gesungen:

Ein französischer Offizier sprach: <Wir sind verloren.

Unsre schönen jungen Leut‘ sind im Schnee erfroren.> - Lähäm!

***

Hochmut wird von Gott gestraft, darum steht geschrieben:

Kaiser der Napoleon, der muss unterliegen - Lähäm.“

Das moderne Nachleben des Russlandfeldzugs auch in der mündlichen Überlieferung dokumentiert das geplante Tessiner Werk nicht zuletzt durch die wertvollen, im dialektalen Original wiederzugebenden Interviews mit Zeitgenossen. Kein Zweifel: Davide Adamoli, Damiano  Robbiani, Stefano Giedemann, Mario Vicari werden unsere Kenntnis von den Blenieser Milizen, vom schweizerischen Anteil an 1812, vom Prozess der Traditionsbildung in der Neuzeit auf eine völlig neue Stufe heben. So wünschen wir bereits heute ihrer Arbeit, die demnächst erscheinen soll, die grösstmögliche Verbreitung und hoffen zuversichtlich, dass sie auch in fünfzig Jahren, bei der 250-Jahr-Feier, von einem neuen Geschlecht mit Freude und Stolz zur Hand genommen wird, im Tessin, aber auch in den 25 anderen Kantonen unserer Eidgenossenschaft.

Windisch, 10. März 2012                       Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 3. März 2012

Von Schangnau nach Kabul

Wenn man Elisabeth Neuenschwander, deren Leben die neue Biographie von Roland Jeanneret (Bern: Lokwort, 2011, ISBN 978-3-906786-40-7) beschreibt, mit wenigen Worten charakterisieren müsste, wäre es ohne Zweifel das im Untertitel angesprochene „Leben für andere“. Die mutige Frau (Biafra, Belutschistan, Afghanistan) hat wahr gemacht, was allzu oft nur Schlagwort ist, die Hilfe zur Selbsthilfe. Wer eine Nähmaschine hat und damit umzugehen gelernt hat, findet den Weg zu Selbstachtung und Brot. Dass dieser Weg oft genug unter Lebensgefahr gesucht werden muss, aber auch gefunden werden kann, hat die Ehrenbürgerin von Schangnau durch die Tat bewiesen. Wer denkt, Stauffacherinnen seien unter den Umständen unserer Gegenwart und ihrer oft so ganz anderen Herausforderungen nicht mehr denkbar, lese dieses Buch.

Windisch, 3. März 2012                                    Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 25. Februar 2012

Nachhaltige Schuldenwirtschaft?

Zu den Folgen der Finanzkrise gehört die Wiederbelebung der inflationären Theorien des britischen Nationalökonomen Johan Maynard Keynes (1883-1946). Die Überschüttung der amerikanischen und europäischen Volkswirtschaften durch aus der Luft gezauberte Milliarden („quantitative easing“) werden unsere Kinder und deren Kinder durch lang andauernde Geldentwertung zu entgelten haben, je nach wirklich souveränem (das heisst über sein eigenes Geld verfügendem) Land in einem grösseren oder geringeren Umfang. Das können wir nicht ändern, wir können höchstens wachsam bleiben, damit wir nicht zu noch weiterer Inflationierung beitragen und diese Wachsamkeit ist zu allererst auf dem Gebiet der Ideen gefordert. So werden hoffentlich nicht nur bei den Schreibern dieses Blogs die Lampen auf Rot schalten, wenn wir den heutigen britischen Nationalökonomen und Friedensaktivisten Robert Neild (FT, 17.2.2012, von uns übersetzt) lesen: „Grossbritannien, führend im Umgang mit den Staatsfinanzen, hat nun während mehr als drei Jahrhunderten eine Staatsschuld unterhalten ohne jemals Bankrott zu machen.“ Das ist in der Tat wahr, zum Teil. Wenn wir die letzten 100 Jahre betrachten, ist es rund ein Zweihundertstel der Wahrheit. Denn ein vor 100 Jahren, 1912 für eine britische Staatsanleihe bezahltes Goldpfund (7.3 Gramm Gold) hat in der Zwischenzeit bis zum heutigen Münzpfund aus unedlem Metall (es gibt nicht einmal mehr eine Banknote dieses Nennwerts) mehr als 199 Zweihundertstel  seines damaligen Werts verloren, von Steuern auf dem Vermögen über ein Jahrhundert einmal ganz zu schweigen.  Die Zinsen sind zwar bezahlt worden, aber die Zinsen sind die Gebühr für die Verwendung des Geldes und von der Rückzahlung des Kapitals zu unterscheiden. Eine ähnliche Zukunft steht uns allen im besten Fall bevor: Es wird zur substantiellen Enteignung der Nominalwert- und der Bargeldbesitzer über ein Jahrhundert kommen, weil das der Weg des geringsten Widerstands ist und die Politiker am Ende den Weg des geringsten Widerstands gehen. Der Schutz des anvertrauten Vermögens von Gemeinwesen und Familien ist nur beschränkt zu erreichen, am ehesten durch Sachwerte wie Aktien in erstklassigen Firmen, da deren Wert durch die kommende lange Inflation nur in einem geringeren Umfang beeinträchtigt wird.  Wir wissen, dass wir dieses Thema auch schon behandelt haben, wir werden es in Zukunft wieder behandeln, denn für Familienväter, Hausmütter, für verantwortliche Bürgerinnen und Bürger gibt es nicht viele noch wichtigere Themen.

Windisch, 25. Februar 2012                              Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 18. Februar 2012

Das ökonomische Äquivalent des Bösen

Das Böse ist primär ein ethischer Begriff, die Schuld ein überwiegend ökonomischer.  Die griechische Tragödie zeigt nun einmal mehr, dass die Schuld, unter bestimmten Umständen, das ökonomische Äquivalent des Bösen sein kann. Ein Schuldner lebt über seine Verhältnisse und ein Gläubiger gibt dafür  Kredite und beide wissen, dass das Geld niemals zurückbezahlt wird: Solche Zustände sind nur erklärlich, wenn der für den Gläubiger (zum Beispiel eine Pensionskasse) und der für den Schuldner (etwa einen Staat) Handelnde, in der Regel ein Politiker oder ein Manager, denkt, die Probleme seien erst für die Epoche nach seiner eigenen Amtszeit zu erwarten. Kritiker werden unter solchen Umständen mit rhetorischem Blendwerk zugedeckt. Das ist möglich, solange eine genügend grosse Zahl an Menschen glauben will,  was auch immer hilft, sich der mühsamen Suche nach der Wahrheit und den harten Konsequenzen dieser Suche besser zu entziehen. Das dauert im Falle unbezahlbarer Schulden so lange fort, bis keine Menge neuer Lügen die unangenehmen Fakten mehr zudecken kann. Dann tritt der Zusammenbruch ein, abrupt durch den Bankrott, schleichend, durch Inflation, Leistungskürzungen, Steuererhöhungen oder durch eine Kombination aller dieser Phänomene über eine kürzere oder längere Zeit. Können wir das ändern? Wohl höchstens in einem begrenzten Umfang; Sebastian Brant hat schon vor einem halben Jahrtausend nur  wenig übertreibend behauptet, die Welt wolle betrogen sein. Was können wir tun? In der Verantwortung für das Gemeinwesen und für die eigene Familie können wir alte Schulden zurückzahlen, neue vermeiden, nur mit allergrösster Zurückhaltung (und noch besser überhaupt keine) Darlehen gewähren, sparen, Reserven anhäufen und versuchen, dazu beizutragen, dass alles, was uns anvertraut ist und auch wir selber einigermassen unbeschadet durch unsere verwirrte Zeit kommen.

Windisch, 18. Februar 2012                   Jürg Stüssi-Lauterburg


Samstag, 11. Februar 2012

Schwesterrepubliken

PLENA LIBERTAS, volle Freiheit, hatte  der Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein 1648 von den Friedensverhandlungen aus Westfalen in die Eidgenossenschaft zurück gebracht. Die Schweiz wurde in der Folge als so frei wahrgenommen, dass Patrick Henry in der Virginia Convention 1788 ausrufen konnte: „Let us follow their example, and be equally happy.“ Für Kenntnis der Schweiz hatte die frühe Auswanderung gesorgt – Christoph von Graffenrieds 1710 gegründetes New Bern, North Carolina, mag als Stichwort genügen. In Unabhängigkeitserklärung und Verfassung der USA finden sich Schweizer Spuren. Die Schweiz machte ihrerseits, als sie sich 1848 politisch wieder fand, Anleihen bei der amerikanischen Verfassung. Eine Konvention beider Staaten beschwor 1850 „the bonds of friendship which so happily exist between the two Republics“. Sister republics“ wurde zum Ausdruck für die Seelenverwandtschaft. Die Anteilnahme ging bis hin zum militärischen Engagement. Der Baselbieter Emil Frey, nachmaliger Bundesrat, kämpfte bei Gettysburg – für ihn und seine Kampfgenossen sagte Lincoln über das Schlachtfeld: The brave men, living and dead, who struggled here, have consecrated it, far above our poor power to add or detract.. Die Wanderbewegung aus der Schweiz in die USA zählt nach Hunderttausenden, in der Gegenrichtung gab es sie, wie wohl sehr viel schwächer, auch. So studierte der New Yorker Emil Joseph Kohnstamm in Zürich Chemie und wurde, als angesehener Professor, 1908 Schweizerbürger. In der nächsten Generation stieg Herbert Constam bis zum Oberstkorpskommandanten auf. Die Familie war evangelisch-reformiert, die jüdische Herkunft gleichzeitig bekannt. Constam wurde befördert, weil General Henry Guisan den Verstand, den Horizont, die Tatkraft und den Charakter des geborenen Amerikaners erkannte. Nach dem Fall Frankreichs im Sommer 1940 richtete sich die  Hoffnung der Schweiz auf Grossbritannien und die USA, was sich u.a. in unterschiedlich weit gehenden Plänen bedeutender Firmen, ihre Sitze zu verlegen, äusserte. Emil Barell von  Hoffmann-La Roche beispielsweise zog nach Nutley, New Jersey, in der Absicht, im Notfall einer Germanisierung von Roche durch eine Amerikanisierung zuvorzukommen. Die USA ihrerseits ergriffen Massnahmen, einem Einknicken der Schweiz entgegenzuwirken. So erklärte Ende September 1940 Generalkonsul James Bolton Stewart in Zürich vor der Gesellschaft Schweizerfreunde der U.S.A.: „Ich kann Sie versichern, dass Uncle Sam Verständnis und natürliche Anhänglichkeit zur Schwester Helvetia zeigt.“ General Guisan wollte von den Amerikanern verstanden werden: Vieraugengespräche mit dem US-Militärattaché Barnwell Rhett Legge waren von Geheimnis umgeben und für das Vertrauen der Amerikaner von Bedeutung. Klar war die Schweizer Haltung gegenüber amerikanischen Versuchen, den Krieg durch eine Separatkapitulation mit den Wehrmachtsbefehlshabern in Italien abzukürzen. Man förderte die Sache diskret, ohne die Glaubwürdigkeit der Neutralität zu untergraben. Die von Bern aus durch den dortigen Chef des Office of Strategic Services Allan Welsh Dulles geleitete Operation „Sunrise“ führte zur Verkürzung des Krieges. Die Leistung der Schweizer Max Waibel und Mario Martinoni gehört in diesen Kontext. Die USA, nach dem Zweiten Weltkrieg tonangebende Grossmacht, erstrebten eine politische und militärische Einbindung der Schweiz. Über einen frühen Beitrag an den Wiederaufbau Europas, den der vom Krieg verschonte neutralen Kleinstaat im Washingtoner Abkommen eher widerstrebend zu leisten bereit war, hinaus hatten solche Bemühungen jedoch keinen Erfolg. Edgar Bonjour hatte seine Mühe, gegenüber den USA publizistisch die Besonderheit der Schweizer Neutralität zu erklären. Der Koreakrieg führte schliesslich zu einem besseren Verständnis, denn die Bereitschaft der Schweiz, in der Waffenstillstandsüberwachungskommission der neutralen Staaten (NNSC)  mitzutun, fand am Potomac 1953 dankbare Anerkennung. Die Mehrheit des Schweizer Volkes sah in den USA den Garanten gegen den Sieg des totalitären Kommunismus. So lässt sich ein Denkmal für den ermordeten amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy auf dem Belpberg erklären. Das war nicht Parteinahme, sondern Bekenntnis zu den gemeinsamen republikanischen und demokratischen Werten des Westens. Interessen können zusammenstossen, wie die Auseinandersetzungen über die nachrichtenlosen Vermögen und das Bankgeheimnis seit den neunziger Jahren zeigen. Dass bei Partnern unterschiedlichen weltpolitischen Gewichts auf der einen Seite die Versuchung besteht, über den Anderen hinwegzugehen, auf der anderen Seite die Angst, die eigene Unabhängigkeit zu verlieren, schliesst relativ faire Lösungen nicht aus. Dass die Schweiz nach wie vor Schutzmacht der amerikanischen Interessen in Iran ist, relativiert die offiziellen Gegensätze. An der Freundschaft der Völker wird sich vollends nichts ändern, zu sehr verbinden grundsätzliche Werte die Schwesterrepubliken: Die Einsicht in die Gefahren, die von Machtkonzentrationen ausgehen, und darauf die republikanische Antwort der Machtbrechung. Die USA und die Schweiz billigen einer Dame ein Diadem zu: der LIBERTY, der  LIBERTAS. Diese Freiheit ist jener Kitt, der Freundschaft über alle Krisen hinweg verbürgt, getreu dem hier frei zitierten Wort Ludwig Börnes: „Man kann eine Idee durch eine andere verdrängen, nur die der Freiheit nicht.

Windisch, 11. Februar 2012                   Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 4. Februar 2012

Arabien, ein Jahr danach 

Tunesien, Libyen, Ägypten sind insgesamt, trotz aller Rückschläge, ein Jahr nach der ägyptischen Revoltion, Erfolgsbeispiele. In Syrien herrscht allerdings Bürgerkrieg und niemand kann das Ergebnis genau prognostizieren, vorderhand sorgt russischer und chinesischer Widerstand dafür, dass es zu keinem UNO-Mandat zum Eingreifen von aussen kommt, was vielleicht am Ende auch klüger ist. Das Regime hat noch erhebliche Kraftreserven, wenn es auch nie mehr so unbestritten herrschen dürfte wie noch vor etwas mehr als Jahresfrist. Die Despotendämmerung hat jedoch noch wesentlich weitere Kreise gezogen (man google zum Beispiel Zhanaozen, Kasachstan) und läuft andererseits langsamer ab, als erwartet. Wer hofft, dass die Ergebnisse freier Wahlen in der arabischen Welt nach westlichem Geschmack ausfallen werden, dürfte allerdings irren. Wir werden wohl eine gewisse Phase islamistischer Dominanz durchlaufen, gemässigter Dominanz, wenn wir Glück haben. Der einzige, bescheidene, Beitrag, den wir leisten können, heisst zu akzeptieren, was die Völker wollen, ob es uns passt oder nicht, sofern die politischen Freiheitsrechte integral erhalten bleiben. Das heisst, dass immer wieder neue freie Wahlen möglich sein müssen. Das Risiko der Radikalisierung besteht allerdings tatsächlich und Kriege könnten, auf Zeit, neue Totalitarismen heranwachsen lassen. Die Entwicklung in Ägypten tendiert am ehesten in Richtung des neuen türkischen Modells. Die wirtschaftliche Schwäche des Pharaonenlandes gibt allerdings den grossen Geldgebern, vorab den USA und Saudi Arabien, ein besonderes Gewicht, das in einem Fall die Salafisten, im anderen Fall die Modernisten stärkt. Dass allerdings der Geist wieder in die Flasche gekommen wäre, kann man nicht behaupten. In der Zweiten Ägyptischen Republik, dem Kind der Revolution des 25. Januar 2011, hat zum Beispiel am Jahrestag des Freitags der Wut, des Jum’a al Ghadab, am vergangenen 28. Januar 2012 eine nach Zehntausenden zählende Menge durch ihre Gebete auf der Qasr-an-Nil-Brücke in Kairo den Verkehr während Stunden blockiert. Mit unter den Betenden war der Sprecher der Nationalversammlung Mamduh Hamzah. Die politischen Forderungen sind klar: Wahl eines provisorischen Präsidenten vor Ende April, ein Präsidentschaftsrat von sieben Mitgliedern (Präsident, zwei Vizepräsidenten, drei Vertreter des Hohen Rates der Streitkräfte und ein vom Parlament gewähltes Mitglied) und damit die Beendigung der Militärherrschaft. Darüber und über noch weitergehende Forderungen nach sofortiger Beendigung der Funktionen des Hohen Rates der Streitkräfte berichten die Medien sehr offen, alle hier gegebenen Informationen finden sich zum Beispiel in der Ausgabe von al Ahram vom 29. Januar 2012. Die Schweiz brauchte fünfzig Jahre von der französischen Invasion von 1798 bis zur Verfassung von 1848, Kriege und Bürgerkriege inbegriffen. Vielleicht dauert es in Ägypten weniger lang, aber in die Flasche kommt der Geist der Freiheit nicht mehr! Jawohl, es braucht Aufklärung, aber auch jawohl, seit dem 19. Jahrhundert hat, mit zunehmendem Tempo und zunehmender Breitenwirkung, die Aufklärung im Orient tatsächlich stattgefunden, sie ist langsam verlaufen und immer wieder unterbrochen worden, aber es gibt sie. Die verbleibenden despotischen Regimes, sowohl die traditionalistischen wie die modernistischen, werden dem Geist der Freiheit nicht mehr ausserordentlich lange widerstehen, wenngleich sie nun zum Teil versuchen, durch die Entfesselung der uralten Gegensätze von Sunniten und Schiiten einen atavistischen Reflex auszulösen und das, was „die arabische Strasse“ genannt wird, hinter sich zu scharen. Das ist allerdings nicht mehr so einfach wie ehedem, denn seit rund einem halben Jahrzehnt haben die lawinenmässig angeschwollenen Indiskretionen (Wikileaks etc.) die Glaubwürdigkeit der Eliten untergraben und die Social Media die Organisationsmöglichkeiten vervielfacht. Wer gern dem Kulturpessimismus huldigt, lese Oswald Spengler, dieser Blogschreiber ist Optimist und davon überzeugt, dass der hier frei zitierte Ludwig Börne auch im Osten Recht behalten wird: „Man kann eine Idee durch eine andere verdrängen, nur die der Freiheit nicht.“

Windisch, 4. Februar 2012                    Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 28. Januar 2012

Von Tacitus bis Ilari

Auf der schweizerischen Botschaft in Rom hat am 19. Januar 2012 der italienische Professor Virgilio Ilari der Bibliothek am Guisanplatz (BiG) eine virtuelle Militärbibliothek überreicht. Der Chef der BiG hat ihm mit folgenden Worten den Dank abgestattet:

Imperator Marcus Claudius Tacitus liess, gemäss den Scriptores Historiae Augustae, die Bücher seines berühmten Namensvetters, des Historikers Publius Cornelius Tacitus, durch Abschriften verbreiten. Dadurch ist jedenfalls belegt, dass die Vorstellung dem Altertum vertraut war, als wertvoll betrachtete Bücher aktiv einem weiteren Kreis zugänglich zu machen. Wer weiss hat der Kaiser Tacitus ja den wahrlich nicht sehr breit überlieferten Historiker Tacitus vor dem gänzlichen Vergessen bewahrt. Umgekehrt haben immer wieder Gedanken, Ideen und diese dokumentierende Bücher Tyrannen so sehr aufgeregt, dass sie versucht haben, sie aus der Welt zu schaffen. Der chinesische Kaiser Qin Shihuangdi übergab die Werke des Konfuzius dem Feuer und Adolf Hitler verbrannte zwei Jahrtausende später die Bücher von Stefan Zweig.  Wer Konfuzius und Stefan Zweig liest, wird es nicht bereuen. Was Tyrannen hassen, kann gar nicht ganz schlecht sein! Zwischen den Helvetiern und den Römern bestehen seit über zwei Jahrtausenden einmal engere, dann wieder lockerere Beziehungen. Seit einem halben Jahrtausend ist die Päpstliche Schweizer Garde ein Teil der Ewigen Stadt und die Heimat ist ganz unabhängig von der Konfession stolz auf ihre Söhne am Tiber. Die Verbundenheit zwischen Italien und der Schweiz geht auf die Geburtswehen unserer modernen Nationalstaaten, auf die Epoche von Marengo und von Solferino zurück. Heute nun werden diese Beziehungen in einer wichtigen Weise weiter vertieft: Wir dürfen von Herrn Professor Virgilio Ilari die Biblioteca virtuale di storia militare übernehmen. Die Folge wird sein, dass unsere Kunden, dass schweizerische Forscher an der Bibliothek am Guisanplatz leichter als jemals zuvor den reichen Schatz der italienischen Militärliteratur buchstäblich in Reichweite ihrer Computertastatur haben werden.  Wir setzen auch unsererseits kein Moos an, sondern versuchen, im selben Sinn zu handeln, wie unsere italienischen Freunde. So hat unsere Bibliothek mit der Schweizerischen Offiziersgesellschaft zusammen die seit 1833 erscheinende Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift online zugänglich und alle Begriffe einzeln suchbar gemacht. Dasselbe geschieht zur Stunde mit unserer schweizerischen Rivista Militare della Svizzera Italiana und als drittes Projekt wird die Revue Militaire Suisse folgen. Wer liest das alles? Wenn die Betonung auf dem Wort „alles“ liegt, lautet die Antwort: Niemand! Weshalb ist die Digitalisierung trotzdem sinnvoll? Weil je nach den wechselnden historischen oder allgemein kulturellen Interessen dieses oder jenes Thema aktuell wird und es immer besser möglich wird, das gemeinsame Gedächtnis der einen und unteilbaren Menschheit danach abzufragen. Das Ganze ist also wie eine Erweiterung unseres eigenen Gedächtnisses und damit eine Steigerung der Lebensqualität. So ähnlich mag das Kaiser Tacitus schon gesehen haben, so ähnlich sieht es offenbar Professor Ilari. Wir sind ihm ausserordentlich dankbar und freuen uns über das neue Zeichen der schwesterlichen Verbundenheit der Schweiz und Italiens.

Windisch, 28. Januar 2012                    Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 21. Januar 2012

Freiheit oder Herrschaft?

Der Staat ist ein notwendiges Übel. Er ist ein Übel, weil er einer Minderheit Macht über die Mehrheit gibt und weil Macht immer korrumpiert, auch wenn sie, wie bei uns, durch ein System von Gleichgewichten ausbalanciert wird. Aber wir können auf den Staat nicht verzichten, wir brauchen ihn, um die Freiheit gegen äussere Angriffe zu verteidigen und jene Rechtsordnung zu garantieren, welche Bürgerinnen und Bürgern ein menschenwürdiges Leben, die persönliche Freiheit und das Eigentum garantiert. Es ist deshalb wie in der Vergangenheit so auch in Zukunft wichtig, dem Staat, der in sich einen unbegrenzten Appetit auf neue Aufgaben und zusätzliche Ressourcen trägt, durch eine vernünftige Zuteilung so viel zu geben, wie er braucht, aber nicht mehr. Diese freiheitliche Grundüberzeugung ist auf dem europäischen Kontinent eher eine Minderheitsmeinung; die verbalen Attacken europäischer Politiker auf die Rating-Agenturen beweisen es in jüngster Zeit einmal mehr. Sie fordern Zensur, verlangen, dass die Agenturen ihre Meinung über die Bonität von Staaten nicht mehr frei äussern. Warum? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil Politiker letztlich der Meinung sind, dass sie, und nicht die Menschen, die investieren wollen und können, über die Zuteilung von Ressourcen auch auf den Finanzmärkten (und nicht nur bei den Steuern) entscheiden sollen. Dieser Ausübung zusätzlicher Macht steht das freie Wort im Wege. Kein Zweifel: Die Agenturen sind Gewinn anstrebende private Unternehmen. Deshalb werden sie danach trachten, ihren Kunden eine möglichst zutreffende Beurteilung mitzuteilen. Sonst werden ihre Dienste in Zukunft nicht mehr nachgefragt. Wenn also Marktteilnehmer etwas sagen und Politiker widersprechen, wird man gut daran tun, nicht auf die Macht zu hören, sondern auf den Markt, nicht auf die Herrschaft, sondern auf die Freiheit.

Windisch, 21. Januar 2012                                Jürg Stüssi


Samstag, 14. Januar 2012

Was ist zu tun? 

Dekadenz bedeutet Verfall, Zerfall, Niedergang. Ist die Schweiz dekadent? Diese Frage mag jeder Leser, jede Leserin für sich beantworten. Die Zeitungen geben ausreichend Stoff zur Beurteilung. Was ist zu tun? Legen wir den Massstab, für dessen gesellschaftliche Geltung wir einstehen, an uns selbst an, beobachten wir sodann intensiv, was sich tut und zögern wir nicht, die Dinge beim Namen zu nennen. Die Gesetze sind wichtig, ihre Beachtung von jedermann zu fordern, aber darüber hinaus gibt es Dinge, die ein Ehrenmann, die eine Dame, nicht tut. Versuchen wir, weiterhin, als Gentlemen, als Ladies, zu leben und lassen wir die Freiheit, die beunruhigenden Erscheinungen im öffentlichen Leben der Heimat beim Namen zu nennen, nicht verkümmern!  

Windisch, 14. Januar 2012                    Jürg Stüssi-Lauterburg



Samstag, 7. Januar 2012

Beresina 1812-2012

Die Rettung der Trümmer der Grande Armée Napoleons an der eisführenden Beresina bleibt eine Tat, an die sich Schweizer erinnern werden, solange die Heimat, wie seit 1815 wieder, eine unabhängige und neutrale politische Existenz besitzt. Denn Unabhängigkeit und Neutralität fehlten 1812 und so fielen zu diesem Dienst gezwungene, als Soldaten treu dienende Helvetier in einem französischen Eroberungsfeldzug gegen Russland, obwohl die politischen Interessen des Vaterlands, wenn schon, eher den Einsatz auf der Gegenseite geboten hätten.  Thomas Legler (1782-1835), der am 28. November 1812 ein Lied anstimmte, das dadurch als Beresinalied ins schweizerische Liedgut gelangte, hat über seinen Russlandfeldzug einen Augenzeugenbericht hinterlassen, welcher das Kernstück des rechtzeitig zum Gedenkjahr erscheinenden Bandes „Beresina 1812“  von Hans Jakob Streiff (Diesbach: Museum Thomas-Legler-Haus, 2011, ISBN 978-3-85546-244-5) bildet. Das Geleitwort von André Blattmann erinnert an Wert und Bedeutung der Miliz, vorab in militärischer Hinsicht, und daran, dass bei uns, wie einst in der römischen Republik, jeder Soldat Bürger und, soweit er dazu tauglich ist, auch jeder Bürger Soldat ist. Solange solche Werte hierzulande weiter gepflegt werden, werden unsere Söhne und Töchter nie wieder, wie einst Thomas Legler, „Glanz und Elend“ fremder Despoten teilen müssen.

Windisch, 7. Januar 2012                                  Jürg Stüssi-Lauterburg