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Samstag, 19. Mai 2012
Scharmützel über die Reuss
Seit 1847 erlebte unser Land keinen Bürgerkrieg mehr. Zuvor aber
wurde
LASST UNS HEUTE IHRER IN LIEBE
Windisch, 19. Mai 2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 12. Mai 2012
Ferne Erinnerungen
Am Nil sind leicht
abgewandelte vertraute Parolen wieder zu hören, „ash
shab yurid isqat al mushir“, „das
Volk wünscht den Sturz des Marschalls“. Hier hat in der
Dämonologie der Demonstranten Marschall Tantawi, der Präsident
des Hohen Rats der
Streitkräfte, den gestürzten Präsidenten Mubarak abgelöst.
Nun ist Macht eine
potente Droge und Tantawi mag sie schon so lange genossen haben,
dass ihm der bevorstehende Entzug schwer fällt. Wenigstens hegen
die Demonstranten offenbar solche Befürchtungen. Aber die Furcht
und die Hoffnung, wenn diese denn bestehen sollte, sind kaum
begründet: Der Hohe Rat
der Streitkräfte würde eine Annullierung der ägyptischen
Präsidentenwahlen wohl kaum mehr als einige Wochen ohne offenen
Bürgerkrieg überstehen und der neue Präsident, wer immer es sein
wird, wird schon aus institutionellen Gründen die Macht des
Hohen Rats der
Streitkräfte einschränken. Der ägyptischen Armee ist mit zu
verdanken, dass die Revolution des 25. Januar 2011 – ganz im
Gegensatz etwa zum Zeitlupen-Bürgerkrieg in Syrien – gemessen an
der Bevölkerungszahl und an der Grösse des Landes relativ
unblutig und relativ rasch über die Bühne gegangen ist. Schon
deshalb ist zu erwarten, dass die Soldaten in einem Land auf dem
Weg zur Demokratie noch lange eine starke und ehrenvolle
Stellung einnehmen werden. Das setzt freilich voraus, dass vor
der unvermeidlichen Übergabe der Staatsmacht an die vom Volk
gewählten Behörden nicht noch sehr viel Blut vergossen wird. Es
kann dazu kommen, aber eine durch Wahlannullierung, also durch
Staatsstreich etablierte Ordnung dürfte nicht lange dauern. Die
Zeit der Staatsstreiche ist nun einmal vorbei und
Militärdiktatoren wie etwa Qadhafi sind nur noch ferne
Erinnerungen.
Windisch, 12. Mai 2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 5. Mai 2012
Dunant-Moynier: Zwei Schweizer im Kampf um den ersten
Friedensnobelpreis
Im Jahre 1901 wurde der
erste Friedensnobelpreis vergeben, je zur Hälfte an den
französischen Pazifisten Frédéric Passy und an den Initianten
des Roten Kreuzes Henry Dunant. Nun hatte Dunant in den 1860er
Jahren in Genf Konkurs gemacht und damit Verluste verursacht.
Dergleichen wird an der Rhone nur sehr schwer verziehen, Dunant
verliess die Stadt und fand, Jahrzehnte später, in Heiden AR
eine Zuflucht. Aber auch dort war er vor seinem alten Kollegen
Gustave Moynier nicht sicher. Moynier hatte in rastloser
Tätigkeit das IKRK aufgebaut, gleichzeitig aber auch eine
konstant ablehnende Haltung gegenüber
Dunant eingenommen, diesen richtiggehend ausgegrenzt. Als
Moynier vom Plan der Nobelpreisverleihung an Dunant erfuhr,
setzte er, auch persönlich am Preis interessiert, das IKRK in
Marsch, um das ihm unerwünschte Ereignis zu verhindern. Es
gelang ihm angesichts der damals schon weltweiten Berühmtheit
des Pioniers nicht. Nun könnte man das Ereignis als längst
vergangenen Kampf zweier Rivalen abtun und die Schweizer
Briefmarkenausgabe vor zwei Jahren, die, aus Anlass des 100.
Todestages beider, sowohl an Dunant als auch an Moynier
erinnerte, als letzte Fussnote dazu betrachten. Das wäre aber
verkehrt, wie ein von Charles Pfersich herausgegebener neuer
Quellenband beweist:
Dunant-Moynier, un Prix Nobel peut en gâcher un autre,
Lenzburg: Merker, 2012, ISBN 978-3-85648-140-7. Charles Pfersich
hat erstmals umfassend die in Oslo archivierten Akten des
Nobelkomitees gehoben und legt sie in gedruckter Form vor. Bei
der Lektüre zeigt sich sogleich, dass ganz moderne Konzepte der
politischen Kommunikation eine bedeutende Rolle spielten. Dunant
war für das Komitee ein Kandidat ganz nach Wunsch: Der
Friedensnobelpreis war neu und mit dem bereits berühmten Gründer
der Roten Kreuzes konnte die Messlatte in erwünschter Höhe
fixiert werden. Gewiss, man hätte den Preis ja auch zwischen
Dunant und Moynier teilen können, aber das verhinderten zwei
wichtige Gründe. Moyniers Haltung gegenüber Dunant war zu
bekannt und mit der angestrebten Aura des Preises schwer
vereinbar. Dazu kam der Kongo:
Moynier war von 1890 bis 1904 Generalkonsul und von 1904
bis 1910 Honorargeneralkonsul des Unabhängigen Kongostaates in
Genf. Selbstverständlich ist ein Generalkonsul nicht
verantwortlich für das, was im Land geschieht, das er
konsularisch vertritt. Und doch konnte eine kongolesische
Assoziation dem Nobelkomitee nicht willkommen sein in einer
Zeit, in welcher ein Joseph Conrad von „Heart
of Darkness“ schrieb (1899) oder in einem Blatt des Zürcher
Oberlandes durchaus zeittypisch der Kongo „Raubmordstaat“
(1908) genannt wurde. So ging Moynier leer aus. Das IKRK als
Institution hat den Preis, allein oder in Gemeinschaft, dann
1917, 1944 und 1963 erhalten, und in seinem segensreichen Wirken
leben die Taten des Gründerpräsidenten Guillaume-Henri Dufour
und von Louis Appia und Théodore Maunoir weiter, welche zusammen
mit dem Pionier Henry Dunant und dem Organisator Gustave Moynier
vor rund anderthalb Jahrhunderten ein Werk schufen, dessen die
Welt heute stärker bedarf als jemals zuvor.
Windisch, 5. Mai 2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 28. April 2012
Pharao auf dem Weg in die Geschichtsbücher
Die ägyptischen
Präsidentenwahlen werden wohl am 23. und 24. Mai 2012
stattfinden. Gewiss, mit Frivolitäten haben die vorübergehenden
institutionellen Machthaber am Nil, eine Gruppe von Generälen
und Richtern, die drei aussichtsreichsten Kandidaten
disqualifiziert, den früheren Vizepräsidenten Umar Sulaiman,
Khairat ash Shatir von den Muslimbrüdern und den Salafisten
Hazim Salah Abu Ismail. Weil die Classe Politique ganz
offensichtlich Angst davor hat, dass das in seiner Mehrheit
gläubige und ordnungsliebende Volk entweder einen Islamisten wie
Shatir oder Ismail wähle oder dann aus Angst vor der Anarchie
das vertraute Gesicht des früheren Nachrichtendienstchefs
Sulaiman. Nun werden klar zweitrangige Kandidaten wie der
frühere Muslimbruder Abd al Munim Abu Futuh Abd al Hadi oder der
Ersatzkandidat der
Muslimbrüder Muhammad Mursi oder der alte Aussenminister des
gestürzten Präsidenten Mubarak und nachmalige Generalsekretär
der Arabischen Liga Amr Musa das Rennen unter sich ausmachen.
Überzeugen sie? Schwer zu sagen. Werden sie die gigantischen
Probleme Ägyptens lösen? Kaum. Und doch sind diese Namen ein
Fortschritt. Niemand weiss, wer gewählt wird, die Wahl hat
tatsächlichen Entscheidcharakter. Auch wenn der Weg zu einer
Demokratie, die den Namen verdient, noch lang ist, so ist er
doch in Angriff genommen, der Pluralismus setzt sich durch, der
letzte Pharao ist auf dem Weg über das Gefängnis in die
Geschichtsbücher. Die Freiheit ist auf Eroberungszug im Orient,
daran kann kaum ein vernünftiger Zweifel bestehen. Samstag, 21. April 2012
Der Geist von
Jegenstorf Jegenstorf gehört zu den Stätten mit einer
besonderen Ausstrahlung: Miteigentümer des Schlosses war einst
der Sieger von Laupen Rudolf von Erlach. Sein mehrfach
umgestalteter Sitz diente Jahrhunderte später General Henri
Guisan als letztes Hauptquartier im Aktivdienst. So schwingt,
über das altbernische Wohnmuseum und den seltene Arten
präsentierenden Garten hinaus, bei einem Besuch immer auch
Schweizer Geschichte mit. Wer im so genannten Schlosskafi
einkehrt, kann darüber nachdenken; er tut jedenfalls auch Gutes:
Eine Gruppe initiativer Frauen hat seit mehr als anderthalb
Jahrzehnten das alte Waschhäuschen gemietet und betreibt dort
ein Café, dessen ganzer Gewinn wohltätigen Zwecken zufliesst,
wie etwa der Berghilfe. Initiativen dieser Art stärken beim
Patrioten Vertrauen in die Solidität schweizerischer Werte. So
zieht auch unser Blog gern den Hut vor dem Geist von Jegenstorf
und vor den Stauffacherinnen, die ihn verkörpern!
Windisch, 21. April 2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 14. April 2012
Vom Nutzen der Banquiers
Banquiers sind spätestens
seit der Vermittlung des Kapitals für die phönizischen
Handelsschiffe vor rund drei Jahrtausenden eine Notwendigkeit
zivilisierter Existenz. Es ist durchaus möglich, Ersparnisse in
Form von gehortetem Edelmetall zu vergraben auf der einen Seite
und auf der anderen Seite das nötige Geld für gewerbliche oder
kommerzielle Initiativen nicht zusammenzubringen. Die Angst vor
der beinharten Hand der politischen Macht
und auch, sekundär, vor privaten Räubern, hat durch die
Geschichte oft genug zu solchen Ergebnissen geführt, die
niemandem erwünscht sein können als, jeweils einige Jahrhunderte
später, den Archäologen. Banquiers vermitteln Ersparnisse
dorthin, wo sie sinnvoll investiert werden und ermöglichen so
den Sparern, einen Ertrag anzustreben und den Unternehmern, sich
zu finanzieren. Wenn Banquiers nun aber so nützlich sind, warum
sind sie heute, auch in unserem Vaterland, so ungemein verhasst?
Die Vermittlerrolle hat den Banken Macht gebracht und, von der
Macht nicht zu trennen, Neid. Damit müssen sie leben, wir
Aussenstehende auch. Was wir aber verlangen können ist, dass sie
zu sich selber schauen und nie mehr – wie in der Finanzkrise
geschehen - mit der hohlen Hand auf den Steuerzahler zukommen,
der ihre Fehler mit seinem Geld decken soll. Denn weder die
Fehler selbst, die immer vorkommen können, noch die hohen
Gehälter, welche die Aktionäre ohnehin schon – über die Wahl der
Verwaltungsräte - bestimmen, haben den vorhandenen Hass
entstehen lassen, wohl aber die frivole Vorstellung, wer nur
gross genug sei, dürfe gar nicht mehr untergehen, sondern müsse
durch die politische Macht, also den Steuerzahler, gerettet
werden. Das ist keineswegs so und wenn die neuen, schärferen,
Vorschriften nicht genügen und sich der Bettelgang unseligen
Angedenkens wiederholt, wird sich die Frage stellen, ob man, was
zu gross ist, nicht von Staats wegen verkleinern müsse. Die
Aufspaltung der Grossbanken ist keineswegs anzustreben, ob sie
aber vermieden werden kann, wird die Zukunft zeigen. Hoffnung
ist zulässig, wenn die Akteure sich besinnen und sich als das
benehmen, was jeder zivilisierten Ordnung zur Zierde gereicht,
als Banquiers!
Windisch, 14. April 2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 7. April 2012
Verliert das chinesische Volk die Geduld?
Seit dem 23. Januar 2012
stehen wir im chinesischen Jahr des Drachen. Für nüchterne
Westler wie die Autoren dieses Blogs ist das eine neutrale
Feststellung ohne versteckte Bedeutung.
Im Osten steht der Drachen für Macht und Glück, aber auch
für unberechenbar Übernatürliches. Folklore? Gewiss, aber nicht
nur. Denn wenn handelnde Personen an die gute Vorbedeutung eines
Jahres glauben, kann in diesem Jahr aufgrund ihres Handelns
tatsächlich Besonderes geschehen. Und in der Tat hat ein
seltsamer Reigen von Ereignissen im Reich der Mitte begonnen:
Der Polizeichef von Chongqing, Wang Lijun, ein Kämpfer gegen das
organisierte Verbrechen, wurde, kaum hatte das Drachenjahr
begonnen, abgesetzt, flüchtete ins amerikanische Konsulat in
Chengdu, erhielt kein politisches Asyl und ergab sich am Ende
den belagernden chinesischen Sicherheitskräften. Ob ein
Zusammenhang mit dem enigmatischen Tod des enigmatischen
britischen Chinaspezialisten Neil Heywood (gestorben im November
2011 in Chongqing, angeblich an einer Überdosis Alkohol oder
einem Herzinfarkt) besteht, bleibe dahingestellt. Sicher ist,
dass Heywood die Familie des links politisierenden Parteichefs
und Politbüromitglied der Kommunistischen Partei Chinas Bo Xilai
ein wenig beraten hatte. Unsicher ist, ob alle
Familienangehörigen über die Beratung durchwegs glücklich waren.
Jedenfalls verlor Bo Xilai am 15. März seinen Posten,
nachdem ihn Premierminister Wen Jibao öffentlich kritisiert
hatte. Viel mehr zu wissen, ist schwierig, dass aber ein
heftiger Machtkampf zwischen verschiedenen Gruppen innerhalb der
chinesischen KP im Gange ist, kann kaum bezweifelt werden. Die
kleine Frage, die sich stellt, ist: Wer gewinnt? Die grosse
Frage: Wird das chinesische Volk ein weiteres Mal zusehen und
gehorchen? Oder verliert es vorher die Geduld wie immer wieder
(und seit letztem Jahr häufiger) Völker die Geduld mit ihren
Herrschern verloren haben? Die Antworten auf diese Fragen werden
für uns alle von einer gewissen Bedeutung sein.
Windisch, 7. April 2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 31. März 2012
Schrei nach Freiheit
Der Geist der Freiheit ist
aus der Flasche: Nach der tunesischen und ägyptischen brachen
2011 die libysche und die syrische, auch die jemenitische und
bahrainische Revolution aus und andere sind ihnen bereits
gefolgt oder werden ihnen in nicht allzu ferner Zukunft noch
folgen. Die orientalische Despotie hat als Herrschaftsmodell
ausgedient, auch wenn einige durch Öl reich gewordene alte
Herren und andere an verschiedenen Varianten der Diktatur
persönlich Interessierte dies noch nicht begriffen haben. Samar
Yazbeks „Schrei nach Freiheit“ (München: Nagel & Kimche, 2012
ISBN 978-3-312-00531-4) bringt es, für Syrien, auf den Punkt,
wenn sie sagt, „dass die
Menschen nicht aufhören werden zu protestieren, nicht an den
Punkt vor dem 15. März (2011) zurückkehren werden.“ (Seite
136) Das syrische Regime foltert und schlägt und tötet
friedliche und unfriedliche Demonstranten. Dafür ist das
einerseits auf eigenem Erleben zwischen März und Juli 2011,
andererseits auf Interviews mit Augenzeugen aufbauende Buch ein
erschütterndes Zeugnis.
Repression ist in Syrien ja nichts Neues: Vater Hafiz al
Asad und Onkel Rif‘at al Asad schlugen einen sunnitischen
Aufstand in Hama 1982 mit eiserner Faust nieder. Das Muster für
Präsident Bashar al Asad ist damit gegeben. Aber anders als
damals können die Geschehnisse heute besser dokumentiert werden
(und sei es mit USB-Sticks,
welche über die türkische oder libanesische Grenze geschmuggelt
und aufs Internet geladen werden). Vor allem aber hat eine viel
grössere Zahl von Menschen keine Angst mehr vor dem Tod. Es wäre
falsch, dem atmosphärischen Bericht der allein erziehenden
alawitischen Mutter und Medienschaffenden Samar Yazbek die Last
einer Gesamtgeschichte der syrischen Revolution aufzubürden, vor
uns liegt ein ganz persönliches, aber auch ein inhaltlich
reiches, vor allem den Westen und Süden des Landes
dokumentierendes Zeugnis. Die der Wahrheit verpflichtete Autorin
(„alle Seiten in diesem
Konflikt jagen mir Angst und Schrecken ein“, Seite 137) ist
von ihrer eigenen alawitischen Gemeinschaft verstossen, von der
zum Islamismus tendierenden sunnitischen Mehrheit nicht
durchwegs akzeptiert worden („Du Ungläubige ohne Kopftuch … ketzerische Alawitin“ ,Seite 108). Und
doch kann sie sagen: „Der
Aufstand hat mir meinen Glauben an das Leben … wiedergegeben.“
(Seite 156) Sie bezeugt so, dass wahres Leben nur freies Leben
sein kann und dass frei ist, wer frei sein will. Skepsis auch
eigenen Haltungen gegenüber gehört mit zur Freiheit. So ist, auf
der zweitletzten Seite dieses Buches, die zeitlose Frage zu
lesen: „Wer von uns ist,
was er sein will?“
Windisch, 31. März 2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 24. März 2012
Vorsicht als Schutz vor Arroganz
Arroganz ist eine Form der
Dummheit: Weil man ein- oder zweimal offensichtlich klüger
gewesen ist, als ein Mitmensch, schliesst man, den meisten
Mitmenschen in der Regel etwas vorauszuhaben. Anzeichen solchen
Denkens sind in den letzten Jahren bei der Wall-Street-Firma „Goldman
Sachs“ aufgetreten. Ein auch in diesem Blog registriertes
Alarmsignal war im November 2009 die Bemerkung des Firmenchefs
Lloyd Blankfein zu einen Reporter der Londoner
Times, er tue Gottes Werk („doing
God’s work“). Fast zweieinhalb Jahre später ist nun ein
ehemaliger Goldman-Sachs-Vizepräsident namens Greg Smith
hervorgetreten und hat als Insider Sitzungen zu Derivaten
geschildert, in denen es darum gegangen sei, Elephanten zu
jagen, das heisst Kunden auszunehmen. Nun mag sich ja Blankfein
2009 versprochen, nun kann Smith 2012 ein allzu farbiges und
vielleicht einseitiges Bild entworfen haben. Die nicht ganz so
seltenen, hier übergangenen, weiteren Anzeichen täuschen den
Betrachter möglicherweise ebenfalls, hat doch der Erfolg zu
allen Zeiten seine Neider gehabt. Dazu kommt, dass eine Firma
mit rund 30‘000 Mitarbeitern nicht anhand einiger weniger
Äusserungen beurteilt werden sollte. Und doch bleibt, stellen
wir auch diese Vorbehalte voll in Rechnung, kein ganz gutes
Gefühl zurück. Aufmerksamkeit scheint vielmehr angezeigt, wenn
man an die Macht der Firma und an den gegenwärtigen Einfluss
ehemaliger Goldman-Sachs-Leute denkt, von denen hier der Chef
der Europäischen Zentralbank Mario Draghi und der italienische
Ministerpräsident Mario Monti als Beispiele genannt seien. Vor
allem aber wird es wohl gelten, sich vorzusehen und in der
Verantwortung für ein Gemeinwesen, eine Familie oder auch nur
für die ganz persönliche Altersvorsorge immer an die Möglichkeit
zu denken, dass die Interessen des beratenden Gegenübers andere
sein können, als die eigenen Interessen. Es wird gefährlich,
wenn wir uns auf Vorschläge einlassen, die wir nicht selber
vollständig verstehen und von deren Nutzen für uns wir nicht
überzeugt sind. Es mag sein, dass dem Nicht-Spezialisten durch
solche Zurückhaltung der eine oder andere unverstandene Gewinn
entgeht. Solange wir verhindern können, ausgenommen zu werden,
ist solche Vorsicht denjenigen Preis wert, welchen wir für
Schutz vor Arroganz zu bezahlen bereit sind.
Windisch, 24. März 2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 17. März 2012
Demokratie und
Selbstbestimmungsrecht
Die Demokratie als universelles Ideal, zu dem wir uns gern und
überzeugt bekennen, setzt das Selbstbestimmungsrecht der Völker
zwingend voraus. Von allen Arten der Despotie ist
Fremdherrschaft die schlimmste. Mag der fremde Herrscher noch so
aufgeklärt und liberal sein, am Ende will jedes Volk in seinem
eigenen Haus Meister sein und hat darauf sein gutes Recht.
Unsere Vorfahren haben die Erfahrung gemacht: Bei allen
theoretisch fortschrittlichen Gedanken und zum Teil auch
praktischen Errungenschaften der Helvetischen Republik, man
denke an den damals eingeführten Schweizer Franken, konnte die
Helvetik in der ganzen Dauer ihrer Existenz von 1798 bis 1803
nie wirklich die Zuneigung der Mehrheit des Schweizer Volkes
gewinnen. Sie wurde stets, weitgehend zu Recht, als Instrument
der französischen Fremdherrschaft betrachtet. Ein halbes
Menschenalter später, vom Offiziersfest von Langenthal 1822 und
dem Schützenfest von Aarau von 1824 an, verbreitete sich das den
eidgenössischen Traditionen entsprechende demokratische
Gedankengut und eroberte das Land innert weniger Jahre
vollständig. Seither empfinden Schweizerinnen und Schweizer so
demokratisch, dass Demokratie und Schweiz fast als Synonyme
gebraucht werden. So jedenfalls verstand schon Victor Hugo sein
unsterbliches Wort: „La
Suisse dans l’histoire aura le dernier mot.“ Die wichtigste
Lehre daraus ist gewiss, dass eine von aussen auferlegte
Demokratie eine Unmöglichkeit ist, dass, um zu dauern, diese
Staatsform sich aus jedem Volk selbst heraus entwickeln muss und
dass eine ausländische Intervention leicht dazu führen kann,
dass ein Prozess verzögert wird, der sonst schneller ablaufen
würde. Wie viel der Mensch aus der Geschichte lernt, ist
strittig, aber Anwendungsfelder dieser historischen Lehren gibt
es wahrlich zur Stunde genug!
Windisch, 17. März 2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 10. März 2012
Beresina 200: Lebendige Tessiner Tradition
Zweihundert Jahre werden es
im November dieses Jahres sein seit der denkwürdigen Schlacht an
der Beresina von 1812. Eine Tessiner und insbesondere Blenieser
Tradition erinnert bis heute daran, die das Waffenkleid jener
Epoche tragenden Milizen von Aquila und Leontica, ihre in
schweizerische Ordonnanz eingekleideten Kameraden von Ponto
Valentino.
„Erano
uomini, erano soldati quelli che erano entrati e chi si
dirigevano verso l’altare!“
Männer,
Soldaten, danken für die Errettung aus der napoleonischen
Katastrophe im Russland von 1812. Das Gelübde ist von
Annina Volonterio in dichterischer Freiheit geschildert
worden, an der inneren Wahrheit ist aber kaum zu zweifeln.
Herausgewachsen aus einer Zeit, in der einem grossen Teil des
gemeinschaftlichen Erlebens religiöser Charakter eignete, trugen
die Milizen lange, und tragen sie im Kern bis heute,
bruderschaftliches Wesen. Der Milizionär leistet ganz persönlich
und gleichzeitig in Gemeinschaft mit seinen Kameraden einen
Beitrag zum Fest Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, der
Madonna del Rosario, Johannes des Täufers, der Kirchenpatrone
von Ponto Valentino, von Aquila, von Leontica. Das war an sich
nichts vollkommen Aussergewöhnliches, Ähnliches existierte auch
andernorts. Speziell aber ist die zähe Blenieser Tradition des
Gelübdes im russischen Feldzug, die wiederholte Elevation dieser
Tradition in den für die Schweiz gefahrvollen Jahren des Zweiten
Weltkrieges und des Kalten Krieges – so zum 150-Jahr-Jubiläum
1962 durch Meinrado Devittori und später durch Pio Guidicelli –
und schliesslich die ungebrochene Lebenskraft des Brauchtums in
den drei Gemeinden. Ein geplantes Erinnerungswerk bettet die
Geschichte der drei Korps ein in die Tradition der
Bruderschaften und der für die Zeit von Mediation und
Restauration besonders typischen Freude an militärischer
Repräsentation. Der 1803 gegründete Kanton Tessin verband von
Anfang an die Förderung militärischer Aktivitäten mit
Bestrebungen, sie unter staatlicher Kontrolle zu behalten.
Milizen waren zwar erlaubt, mussten aber eine klar erkennbare
Hierarchie aufweisen, sie konnten drei Kandidaten vorschlagen,
aber die Regierung wählte aus diesen drei Nominierten den
Kommandanten aus. Das Auf und Ab von etwas grosszügigerer
Förderung und verschärfter Kontrolle war in der Folge ein
Spiegel der Tessiner und der Schweizer Geschichte. Es erstaunt
zum Beispiel keineswegs, dass die Wogen im Kulturkampf etwas
höher gingen. Letztlich unlösbar ist die Spannung zwischen dem
für die Miliz grundlegenden Gedanken, dass das Volk als Inhaber
der obersten Gewalt auch die letzten Mittel, die Waffen, in der
Hand behalten muss, und der Angst der Behörden vor Missbräuchen
und Unordnung und, oft durch solche Argumente dürftig versteckt,
der blanken Lust an der Ausübung von Macht. Hier das
Gleichgewicht immer wieder zu finden ist eine Daueraufgabe der
direkten Demokratie schweizerischer Prägung. Besonders gewürdigt
werden sollen im geplanten Buch, angesichts der Tradition, die
vier in den Jahren 1803 bis 1806 gebildeten Schweizer Regimenter
im Dienste des französischen Kaisers Napoleon I. Sie nahmen alle
am Feldzug des Korsen gegen Russland von 1812 Teil.
Strategisches Ziel war, den russischen Kaiser Alexander I zur
Beteiligung an der Kontinentalsperre gegen Grossbritannien zu
zwingen. Mit dieser Verwandlung von Russland in eine Art
französisches Protektorat sollten die Briten, die den Franzosen
auf dem Meer bei Abukir und Trafalgar, auf dem Land bei Maida,
Porto und Torres Vedras klare Grenzen gesetzt hatten, zu einem
Frieden auf der Grundlage der französischen Hegemonie gezwungen
werden. Es ging um nicht viel weniger als um die Weltherrschaft
und der grosse Einsatz wurde in der ganzen damals schon
Zeitungen lesenden Welt auch so wahrgenommen. Entsprechend
schwer fiel Napoleon der durch die Umstände (ungebrochener
russischer Widerstand, herannahender Winter) erzwungene
Entscheid, in Moskau umzukehren. Conrad Ferdinand Meyer sah wohl
den Kern der Sache, als er „Napoleon
im Kreml“ dichtete:
„Er nickt mit seinem
grossen
Haupt
Die Schweizer Regimenter
waren (im Unterschied zu einigen wenigen in anderen Korps
dienenden Eidgenossen) nicht nach Moskau gekommen, sie hatten
Anteil an der Flankenhut in Polozk und an den dortigen
Schlachten im Sommer, im Herbst dann am Übergang der Trümmer der
Grande Armée über die
Beresina und an der Verteidigung des Brückenkopfs. Für diese
Aufgabe wurden die Schweizer Truppen Napoleons in ihrer Substanz
geopfert, vier Regimenter schmolzen zu
vier Detachementen von
insgesamt vielleicht 200
einsatzbereiten Soldaten zusammen.
Die Ereignisse wirkten in
mannigfacher Weise und lange nach, neben Annina Volonterio und
Conrad Ferdinand Meyer hat sich auch ein Rudolf von Tavel an
ihre literarische Verarbeitung gemacht. Das von Thomas Legler am
Schlachttag , 28. November 1812, angestimmte Lied ging als
Beresinalied ins
allgemeine schweizerische Liedgut ein. Auch das anonyme
Kaiser der Napoleon mit seinem einfachen, klaren Urteil über den
Ausgang des russischen Abenteuers von 1812 wird immer noch
gesungen:
„
Ein französischer Offizier
sprach: <Wir sind verloren.
Unsre schönen jungen Leut‘ sind im Schnee erfroren.> - Lähäm!
***
Hochmut wird von Gott gestraft, darum steht geschrieben:
Kaiser der Napoleon, der muss unterliegen - Lähäm.“
Das
moderne Nachleben des
Russlandfeldzugs auch in der mündlichen Überlieferung
dokumentiert das geplante Tessiner Werk nicht zuletzt durch die
wertvollen, im dialektalen Original wiederzugebenden Interviews
mit Zeitgenossen. Kein Zweifel: Davide Adamoli, Damiano
Robbiani, Stefano Giedemann, Mario Vicari werden unsere
Kenntnis von den Blenieser Milizen, vom schweizerischen Anteil
an 1812, vom Prozess der Traditionsbildung in der Neuzeit auf
eine völlig neue Stufe heben. So wünschen wir bereits heute
ihrer Arbeit, die demnächst erscheinen soll, die grösstmögliche
Verbreitung und hoffen zuversichtlich, dass sie auch in fünfzig
Jahren, bei der 250-Jahr-Feier, von einem neuen Geschlecht mit
Freude und Stolz zur Hand genommen wird, im Tessin, aber auch in
den 25 anderen Kantonen unserer Eidgenossenschaft.
Windisch, 10. März 2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 3. März 2012
Von Schangnau nach Kabul
Wenn man Elisabeth
Neuenschwander, deren Leben die neue Biographie von Roland
Jeanneret (Bern: Lokwort, 2011, ISBN 978-3-906786-40-7)
beschreibt, mit wenigen Worten charakterisieren müsste, wäre es
ohne Zweifel das im Untertitel angesprochene „Leben für andere“.
Die mutige Frau (Biafra, Belutschistan, Afghanistan) hat wahr
gemacht, was allzu oft nur Schlagwort ist, die Hilfe zur
Selbsthilfe. Wer eine Nähmaschine hat und damit umzugehen
gelernt hat, findet den Weg zu Selbstachtung und Brot. Dass
dieser Weg oft genug unter Lebensgefahr gesucht werden muss,
aber auch gefunden werden kann, hat die Ehrenbürgerin von
Schangnau durch die Tat bewiesen. Wer denkt, Stauffacherinnen
seien unter den Umständen unserer Gegenwart und ihrer oft so
ganz anderen Herausforderungen nicht mehr denkbar, lese dieses
Buch.
Windisch, 3. März 2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 25. Februar 2012
Nachhaltige Schuldenwirtschaft?
Zu den Folgen der
Finanzkrise gehört die Wiederbelebung der inflationären Theorien
des britischen Nationalökonomen Johan Maynard Keynes
(1883-1946). Die Überschüttung der amerikanischen und
europäischen Volkswirtschaften durch aus der Luft gezauberte
Milliarden („quantitative
easing“) werden unsere Kinder und deren Kinder durch lang
andauernde Geldentwertung zu entgelten haben, je nach wirklich
souveränem (das heisst über sein
eigenes Geld verfügendem)
Land in einem grösseren oder geringeren Umfang. Das können wir
nicht ändern, wir können höchstens wachsam bleiben, damit wir
nicht zu noch weiterer Inflationierung beitragen und diese
Wachsamkeit ist zu allererst auf dem Gebiet der Ideen gefordert.
So werden hoffentlich nicht nur bei den Schreibern dieses Blogs
die Lampen auf Rot schalten, wenn wir den heutigen britischen
Nationalökonomen und Friedensaktivisten Robert Neild (FT,
17.2.2012, von uns übersetzt) lesen: „Grossbritannien,
führend im Umgang mit den Staatsfinanzen, hat nun während mehr
als drei Jahrhunderten eine Staatsschuld unterhalten ohne jemals
Bankrott zu machen.“ Das ist in der Tat wahr, zum Teil. Wenn
wir die letzten 100 Jahre betrachten, ist es rund
ein Zweihundertstel der Wahrheit. Denn ein vor 100 Jahren, 1912
für eine britische Staatsanleihe bezahltes Goldpfund (7.3 Gramm
Gold) hat in der Zwischenzeit bis zum heutigen
Münzpfund aus
unedlem Metall (es gibt nicht einmal mehr eine
Banknote dieses
Nennwerts) mehr als 199 Zweihundertstel
seines damaligen Werts verloren, von Steuern auf dem
Vermögen über ein Jahrhundert einmal ganz zu schweigen.
Die Zinsen sind zwar bezahlt
worden, aber die Zinsen sind die Gebühr für die Verwendung des
Geldes und von der Rückzahlung des
Kapitals zu unterscheiden. Eine ähnliche Zukunft steht uns allen
im
besten Fall bevor: Es wird zur substantiellen Enteignung der
Nominalwert- und der Bargeldbesitzer über ein Jahrhundert
kommen, weil das der Weg des geringsten Widerstands ist und die
Politiker am Ende den Weg des geringsten Widerstands gehen. Der
Schutz des anvertrauten Vermögens von Gemeinwesen und Familien
ist nur beschränkt zu erreichen, am ehesten durch Sachwerte wie
Aktien in
erstklassigen
Firmen, da deren Wert durch die kommende lange Inflation nur in
einem geringeren Umfang beeinträchtigt wird.
Wir wissen, dass wir
dieses Thema auch schon behandelt haben, wir werden es in
Zukunft wieder behandeln, denn für Familienväter, Hausmütter,
für verantwortliche Bürgerinnen und Bürger gibt es nicht viele
noch wichtigere
Themen.
Windisch, 25. Februar
2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 18. Februar 2012
Das ökonomische Äquivalent des Bösen
Das Böse ist primär ein
ethischer Begriff, die Schuld ein überwiegend ökonomischer.
Die griechische Tragödie
zeigt nun einmal mehr, dass die Schuld, unter bestimmten
Umständen, das ökonomische Äquivalent des Bösen sein kann. Ein
Schuldner lebt über seine Verhältnisse und ein Gläubiger gibt
dafür Kredite und
beide wissen, dass das Geld niemals zurückbezahlt wird: Solche
Zustände sind nur erklärlich, wenn der für den Gläubiger (zum
Beispiel eine Pensionskasse) und der für den Schuldner (etwa
einen Staat) Handelnde, in der Regel ein Politiker oder ein
Manager, denkt, die Probleme seien erst für die Epoche nach
seiner eigenen Amtszeit zu erwarten. Kritiker werden unter
solchen Umständen mit rhetorischem Blendwerk zugedeckt. Das ist
möglich, solange eine genügend grosse Zahl an Menschen glauben
will, was auch immer
hilft, sich der mühsamen Suche nach der Wahrheit und den harten
Konsequenzen dieser Suche besser zu entziehen. Das dauert im
Falle unbezahlbarer Schulden so lange fort, bis keine Menge
neuer Lügen die unangenehmen Fakten mehr zudecken kann. Dann
tritt der Zusammenbruch ein, abrupt durch den Bankrott,
schleichend, durch Inflation, Leistungskürzungen,
Steuererhöhungen oder durch eine Kombination aller dieser
Phänomene über eine kürzere oder längere Zeit. Können wir das
ändern? Wohl höchstens in einem begrenzten Umfang; Sebastian
Brant hat schon vor einem halben Jahrtausend nur
wenig übertreibend
behauptet, die Welt wolle betrogen sein. Was können wir tun? In
der Verantwortung für das Gemeinwesen und für die eigene Familie
können wir alte Schulden zurückzahlen, neue vermeiden, nur mit
allergrösster Zurückhaltung (und noch besser überhaupt keine)
Darlehen gewähren, sparen, Reserven anhäufen und versuchen, dazu
beizutragen, dass alles, was uns anvertraut ist und auch wir
selber einigermassen unbeschadet durch unsere verwirrte Zeit
kommen. Samstag, 11. Februar 2012
Schwesterrepubliken
PLENA LIBERTAS, volle
Freiheit, hatte der
Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein 1648 von den
Friedensverhandlungen aus Westfalen in die Eidgenossenschaft
zurück gebracht. Die Schweiz wurde in der Folge als so frei
wahrgenommen, dass Patrick Henry in der
Virginia Convention
1788 ausrufen konnte: „Let
us follow their example, and be equally happy.“ Für Kenntnis
der Schweiz hatte die frühe Auswanderung gesorgt – Christoph von
Graffenrieds 1710 gegründetes New Bern, North Carolina, mag als
Stichwort genügen. In Unabhängigkeitserklärung und Verfassung
der USA finden sich Schweizer Spuren. Die Schweiz machte
ihrerseits, als sie sich 1848 politisch wieder fand, Anleihen
bei der amerikanischen Verfassung.
Eine Konvention beider Staaten beschwor 1850
„the bonds of friendship
which so happily exist between the two Republics“.
„Sister republics“
wurde zum Ausdruck für die Seelenverwandtschaft. Die Anteilnahme
ging bis hin zum militärischen Engagement. Der Baselbieter Emil
Frey, nachmaliger Bundesrat, kämpfte bei Gettysburg – für ihn
und seine Kampfgenossen sagte Lincoln über das Schlachtfeld:
“The brave men, living and dead, who struggled here, have consecrated it,
far above our poor power to add or detract.”. Die
Wanderbewegung aus der Schweiz
in die USA zählt nach
Hunderttausenden, in der Gegenrichtung gab es sie, wie wohl sehr
viel schwächer, auch. So studierte der New Yorker Emil Joseph
Kohnstamm in Zürich Chemie und wurde, als angesehener Professor,
1908 Schweizerbürger. In der nächsten Generation stieg Herbert
Constam bis zum Oberstkorpskommandanten auf. Die Familie war
evangelisch-reformiert, die jüdische Herkunft gleichzeitig
bekannt. Constam wurde befördert, weil General Henry Guisan den
Verstand, den Horizont, die Tatkraft und den Charakter des
geborenen Amerikaners erkannte. Nach dem Fall Frankreichs im
Sommer 1940 richtete sich die
Hoffnung der Schweiz auf Grossbritannien und die USA, was
sich u.a. in unterschiedlich weit gehenden Plänen bedeutender
Firmen, ihre Sitze zu verlegen, äusserte. Emil Barell von
Hoffmann-La
Roche beispielsweise zog nach Nutley, New Jersey, in der
Absicht, im Notfall einer Germanisierung von Roche durch eine
Amerikanisierung zuvorzukommen. Die USA ihrerseits ergriffen
Massnahmen, einem Einknicken der Schweiz entgegenzuwirken. So
erklärte Ende September 1940 Generalkonsul James Bolton Stewart
in Zürich vor der Gesellschaft
Schweizerfreunde der
U.S.A.: „Ich kann Sie
versichern, dass Uncle Sam Verständnis und natürliche
Anhänglichkeit zur Schwester Helvetia zeigt.“ General Guisan
wollte von den Amerikanern verstanden werden: Vieraugengespräche
mit dem US-Militärattaché Barnwell Rhett Legge waren von
Geheimnis umgeben und für das Vertrauen der Amerikaner von
Bedeutung. Klar war die Schweizer Haltung gegenüber
amerikanischen Versuchen, den Krieg durch eine
Separatkapitulation mit den Wehrmachtsbefehlshabern in Italien
abzukürzen. Man förderte die Sache diskret, ohne die
Glaubwürdigkeit der Neutralität zu untergraben. Die von Bern aus
durch den dortigen Chef des
Office of Strategic
Services Allan Welsh Dulles geleitete Operation „Sunrise“ führte zur Verkürzung des Krieges. Die Leistung der
Schweizer Max Waibel und Mario Martinoni gehört in diesen
Kontext. Die USA, nach dem Zweiten Weltkrieg tonangebende
Grossmacht, erstrebten eine politische und militärische
Einbindung der Schweiz. Über einen frühen Beitrag an den
Wiederaufbau Europas, den der vom Krieg verschonte neutralen
Kleinstaat im Washingtoner Abkommen eher widerstrebend zu
leisten bereit war, hinaus hatten solche Bemühungen jedoch
keinen Erfolg. Edgar Bonjour hatte seine Mühe, gegenüber den USA
publizistisch die Besonderheit der Schweizer Neutralität zu
erklären. Der Koreakrieg führte schliesslich zu einem besseren
Verständnis, denn die Bereitschaft der Schweiz, in der
Waffenstillstandsüberwachungskommission der neutralen Staaten
(NNSC) mitzutun,
fand am Potomac 1953 dankbare Anerkennung. Die Mehrheit des
Schweizer Volkes sah in den USA den Garanten gegen den Sieg des
totalitären Kommunismus. So lässt sich ein Denkmal für den
ermordeten amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy auf dem
Belpberg erklären. Das war nicht Parteinahme, sondern Bekenntnis
zu den gemeinsamen republikanischen und demokratischen Werten
des Westens. Interessen können zusammenstossen, wie die
Auseinandersetzungen über die nachrichtenlosen Vermögen und das
Bankgeheimnis seit den neunziger Jahren zeigen. Dass bei
Partnern unterschiedlichen weltpolitischen Gewichts auf der
einen Seite die Versuchung besteht, über den Anderen
hinwegzugehen, auf der anderen Seite die Angst, die eigene
Unabhängigkeit zu verlieren, schliesst relativ faire Lösungen
nicht aus. Dass die Schweiz nach wie vor Schutzmacht der
amerikanischen Interessen in Iran ist, relativiert die
offiziellen Gegensätze. An der Freundschaft der Völker wird sich
vollends nichts ändern, zu sehr verbinden grundsätzliche Werte
die Schwesterrepubliken: Die Einsicht in die Gefahren, die von
Machtkonzentrationen ausgehen, und darauf die republikanische
Antwort der Machtbrechung. Die USA und die Schweiz billigen
einer Dame ein Diadem
zu: der LIBERTY, der LIBERTAS.
Diese Freiheit ist jener Kitt, der Freundschaft über alle Krisen
hinweg verbürgt, getreu dem hier frei zitierten Wort Ludwig
Börnes: „Man kann eine Idee durch eine andere
verdrängen, nur die der Freiheit nicht.“
Windisch, 11. Februar 2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 4. Februar 2012
Arabien, ein Jahr danach
Tunesien,
Libyen, Ägypten sind insgesamt, trotz aller Rückschläge, ein
Jahr nach der ägyptischen Revoltion, Erfolgsbeispiele. In Syrien
herrscht allerdings Bürgerkrieg und niemand kann das Ergebnis
genau prognostizieren, vorderhand sorgt russischer und
chinesischer Widerstand dafür, dass es zu keinem UNO-Mandat zum
Eingreifen von aussen kommt, was vielleicht am Ende auch klüger
ist. Das Regime hat noch erhebliche Kraftreserven, wenn es auch
nie mehr so unbestritten herrschen dürfte wie noch vor etwas
mehr als Jahresfrist. Die Despotendämmerung hat jedoch noch
wesentlich weitere Kreise gezogen (man google zum Beispiel
Zhanaozen, Kasachstan) und läuft andererseits langsamer ab,
als erwartet. Wer hofft, dass die Ergebnisse freier Wahlen in
der arabischen Welt nach westlichem Geschmack ausfallen werden,
dürfte allerdings irren. Wir werden wohl eine gewisse Phase
islamistischer Dominanz durchlaufen, gemässigter Dominanz, wenn
wir Glück haben. Der einzige, bescheidene, Beitrag, den wir
leisten können, heisst zu akzeptieren, was die Völker wollen, ob
es uns passt oder nicht, sofern die politischen Freiheitsrechte
integral erhalten bleiben. Das heisst, dass immer wieder neue
freie Wahlen möglich sein müssen. Das Risiko der Radikalisierung
besteht allerdings tatsächlich und Kriege könnten, auf Zeit,
neue Totalitarismen heranwachsen lassen. Die Entwicklung in
Ägypten tendiert am ehesten in Richtung des neuen türkischen
Modells. Die wirtschaftliche Schwäche des Pharaonenlandes gibt
allerdings den grossen Geldgebern, vorab den USA und Saudi
Arabien, ein besonderes Gewicht, das in einem Fall die
Salafisten, im anderen Fall die Modernisten stärkt. Dass
allerdings der Geist wieder in die Flasche gekommen wäre, kann
man nicht behaupten. In der Zweiten Ägyptischen Republik, dem
Kind der Revolution des 25. Januar 2011, hat zum Beispiel am
Jahrestag des Freitags der Wut, des Jum’a al Ghadab, am
vergangenen 28. Januar 2012 eine nach Zehntausenden zählende
Menge durch ihre Gebete auf der Qasr-an-Nil-Brücke in Kairo den
Verkehr während Stunden blockiert. Mit unter den Betenden war
der Sprecher der Nationalversammlung Mamduh Hamzah. Die
politischen Forderungen sind klar: Wahl eines provisorischen
Präsidenten vor Ende April, ein Präsidentschaftsrat von sieben
Mitgliedern (Präsident, zwei Vizepräsidenten, drei Vertreter des
Hohen Rates der Streitkräfte und ein vom Parlament gewähltes
Mitglied) und damit die Beendigung der Militärherrschaft.
Darüber und über noch weitergehende Forderungen nach sofortiger
Beendigung der Funktionen des Hohen Rates der Streitkräfte
berichten die Medien sehr offen, alle hier gegebenen
Informationen finden sich zum Beispiel in der Ausgabe von al
Ahram vom 29. Januar 2012. Die Schweiz brauchte fünfzig
Jahre von der französischen Invasion von 1798 bis zur Verfassung
von 1848, Kriege und Bürgerkriege inbegriffen. Vielleicht dauert
es in Ägypten weniger lang, aber in die Flasche kommt der Geist
der Freiheit nicht mehr! Jawohl, es braucht Aufklärung, aber
auch jawohl, seit dem 19. Jahrhundert hat, mit zunehmendem Tempo
und zunehmender Breitenwirkung, die Aufklärung im Orient
tatsächlich stattgefunden, sie ist langsam verlaufen und immer
wieder unterbrochen worden, aber es gibt sie. Die verbleibenden
despotischen Regimes, sowohl die traditionalistischen wie die
modernistischen, werden dem Geist der Freiheit nicht mehr
ausserordentlich lange widerstehen, wenngleich sie nun zum Teil
versuchen, durch die Entfesselung der uralten Gegensätze von
Sunniten und Schiiten einen atavistischen Reflex auszulösen und
das, was „die arabische
Strasse“ genannt wird, hinter sich zu scharen. Das ist
allerdings nicht mehr so einfach wie ehedem, denn seit rund
einem halben Jahrzehnt haben die lawinenmässig angeschwollenen
Indiskretionen (Wikileaks etc.) die Glaubwürdigkeit der Eliten
untergraben und die Social Media die
Organisationsmöglichkeiten vervielfacht. Wer gern dem
Kulturpessimismus huldigt, lese Oswald Spengler, dieser
Blogschreiber ist Optimist und davon überzeugt, dass der hier
frei zitierte Ludwig Börne auch im Osten Recht behalten wird: „Man
kann eine Idee durch eine andere verdrängen, nur die der
Freiheit nicht.“
Windisch, 4. Februar
2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 28. Januar 2012
Von Tacitus bis Ilari
Auf der schweizerischen
Botschaft in Rom hat am 19. Januar 2012 der italienische
Professor Virgilio Ilari der Bibliothek am Guisanplatz (BiG)
eine virtuelle Militärbibliothek überreicht. Der Chef der BiG
hat ihm mit folgenden Worten den Dank abgestattet:
Imperator Marcus Claudius
Tacitus liess, gemäss den
Scriptores Historiae Augustae, die Bücher seines berühmten
Namensvetters, des Historikers Publius Cornelius Tacitus, durch
Abschriften verbreiten. Dadurch ist jedenfalls belegt, dass die
Vorstellung dem Altertum vertraut war, als wertvoll betrachtete
Bücher aktiv einem weiteren Kreis zugänglich zu machen. Wer
weiss hat der Kaiser Tacitus ja den wahrlich nicht sehr breit
überlieferten Historiker Tacitus vor dem gänzlichen Vergessen
bewahrt. Umgekehrt haben immer wieder Gedanken, Ideen und diese
dokumentierende Bücher Tyrannen so sehr aufgeregt, dass sie
versucht haben, sie aus der Welt zu schaffen. Der chinesische
Kaiser Qin Shihuangdi übergab die Werke des Konfuzius dem Feuer
und Adolf Hitler verbrannte zwei Jahrtausende später die Bücher
von Stefan Zweig. Wer
Konfuzius und Stefan Zweig liest, wird es nicht bereuen. Was
Tyrannen hassen, kann gar nicht ganz schlecht sein! Zwischen den
Helvetiern und den Römern bestehen seit über zwei Jahrtausenden
einmal engere, dann wieder lockerere Beziehungen. Seit einem
halben Jahrtausend ist die Päpstliche Schweizer Garde ein Teil
der Ewigen Stadt und die Heimat ist ganz unabhängig von der
Konfession stolz auf ihre Söhne am Tiber. Die Verbundenheit
zwischen Italien und der Schweiz geht auf die Geburtswehen
unserer modernen Nationalstaaten, auf die Epoche von Marengo und
von Solferino zurück. Heute nun werden diese Beziehungen in
einer wichtigen Weise weiter vertieft: Wir dürfen von Herrn
Professor Virgilio Ilari die
Biblioteca virtuale di
storia militare übernehmen. Die Folge wird sein, dass unsere
Kunden, dass schweizerische Forscher an der Bibliothek am
Guisanplatz leichter als jemals zuvor den reichen Schatz der
italienischen Militärliteratur buchstäblich in Reichweite ihrer
Computertastatur haben werden. Wir
setzen auch unsererseits kein Moos an, sondern versuchen, im
selben Sinn zu handeln, wie unsere italienischen Freunde. So hat
unsere Bibliothek mit der Schweizerischen Offiziersgesellschaft
zusammen die seit 1833 erscheinende
Allgemeine Schweizerische
Militärzeitschrift online zugänglich und alle Begriffe
einzeln suchbar gemacht. Dasselbe geschieht zur Stunde mit
unserer schweizerischen
Rivista Militare della
Svizzera Italiana und als drittes Projekt wird die
Revue Militaire Suisse
folgen. Wer liest das alles? Wenn die Betonung auf dem Wort
„alles“ liegt, lautet die Antwort: Niemand! Weshalb ist die
Digitalisierung trotzdem sinnvoll? Weil je nach den wechselnden
historischen oder allgemein kulturellen Interessen dieses oder
jenes Thema aktuell wird und es immer besser möglich wird, das
gemeinsame Gedächtnis der einen und unteilbaren Menschheit
danach abzufragen. Das Ganze ist also wie eine Erweiterung
unseres eigenen Gedächtnisses und damit eine Steigerung der
Lebensqualität. So ähnlich mag das Kaiser Tacitus schon gesehen
haben, so ähnlich sieht es offenbar Professor Ilari. Wir sind
ihm ausserordentlich dankbar und freuen uns über das neue
Zeichen der schwesterlichen Verbundenheit der Schweiz und
Italiens.
Windisch, 28. Januar 2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 21. Januar 2012
Freiheit oder Herrschaft?
Der Staat ist ein notwendiges Übel. Er
ist ein Übel, weil er einer Minderheit Macht über die Mehrheit
gibt und weil Macht immer korrumpiert, auch wenn sie, wie bei
uns, durch ein System von Gleichgewichten ausbalanciert wird.
Aber wir können auf den Staat nicht verzichten, wir brauchen
ihn, um die Freiheit gegen äussere Angriffe zu verteidigen und
jene Rechtsordnung zu garantieren, welche Bürgerinnen und
Bürgern ein menschenwürdiges Leben, die persönliche Freiheit und
das Eigentum garantiert. Es ist deshalb wie in der Vergangenheit
so auch in Zukunft wichtig, dem Staat, der in sich einen
unbegrenzten Appetit auf neue Aufgaben und zusätzliche
Ressourcen trägt, durch eine vernünftige Zuteilung so viel zu
geben, wie er braucht, aber nicht mehr. Diese freiheitliche
Grundüberzeugung ist auf dem europäischen Kontinent eher eine
Minderheitsmeinung; die verbalen Attacken europäischer Politiker
auf die Rating-Agenturen beweisen es in jüngster Zeit einmal
mehr. Sie fordern Zensur, verlangen, dass die Agenturen ihre
Meinung über die Bonität von Staaten nicht mehr frei äussern.
Warum? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil Politiker letztlich
der Meinung sind, dass sie, und nicht die Menschen, die
investieren wollen und können, über die Zuteilung von Ressourcen
auch auf den Finanzmärkten (und nicht nur bei den Steuern)
entscheiden sollen. Dieser Ausübung zusätzlicher Macht steht das
freie Wort im Wege. Kein Zweifel: Die Agenturen sind Gewinn
anstrebende private Unternehmen. Deshalb werden sie danach
trachten, ihren Kunden eine möglichst zutreffende Beurteilung
mitzuteilen. Sonst werden ihre Dienste in Zukunft nicht mehr
nachgefragt. Wenn also Marktteilnehmer etwas sagen und Politiker
widersprechen, wird man gut daran tun, nicht auf die Macht zu
hören, sondern auf den Markt, nicht auf die Herrschaft, sondern
auf die Freiheit. Samstag, 14. Januar 2012
Was ist zu tun?
Dekadenz bedeutet
Verfall, Zerfall, Niedergang. Ist die Schweiz dekadent? Diese
Frage mag jeder Leser, jede Leserin für sich beantworten. Die
Zeitungen geben ausreichend Stoff zur Beurteilung. Was ist zu
tun? Legen wir den Massstab, für dessen gesellschaftliche
Geltung wir einstehen, an uns selbst an, beobachten wir sodann
intensiv, was sich tut und zögern wir nicht, die Dinge beim
Namen zu nennen. Die Gesetze sind wichtig, ihre Beachtung von
jedermann zu fordern, aber darüber hinaus gibt es Dinge, die ein
Ehrenmann, die eine Dame, nicht tut. Versuchen wir, weiterhin,
als Gentlemen, als Ladies, zu leben und lassen wir die Freiheit,
die beunruhigenden Erscheinungen im öffentlichen Leben der
Heimat beim Namen zu nennen, nicht verkümmern!
Windisch, 14.
Januar 2012
Jürg Stüssi-Lauterburg Samstag, 7. Januar 2012
Beresina 1812-2012
Die Rettung der Trümmer
der Grande Armée Napoleons an der eisführenden Beresina bleibt
eine Tat, an die sich Schweizer erinnern werden, solange die
Heimat, wie seit 1815 wieder, eine unabhängige und neutrale
politische Existenz besitzt. Denn Unabhängigkeit und Neutralität
fehlten 1812 und so fielen zu diesem Dienst gezwungene, als
Soldaten treu dienende Helvetier in einem französischen
Eroberungsfeldzug gegen Russland, obwohl die politischen
Interessen des Vaterlands, wenn schon, eher den Einsatz auf der
Gegenseite geboten hätten.
Thomas Legler (1782-1835), der am 28. November 1812 ein
Lied anstimmte, das dadurch als Beresinalied ins schweizerische
Liedgut gelangte, hat über seinen Russlandfeldzug einen
Augenzeugenbericht hinterlassen, welcher das Kernstück des
rechtzeitig zum Gedenkjahr erscheinenden Bandes „Beresina 1812“
von Hans Jakob Streiff (Diesbach:
Museum Thomas-Legler-Haus, 2011, ISBN 978-3-85546-244-5) bildet.
Das Geleitwort von André Blattmann erinnert an Wert und
Bedeutung der Miliz, vorab in militärischer Hinsicht, und daran,
dass bei uns, wie einst in der römischen Republik, jeder Soldat
Bürger und, soweit er dazu tauglich ist, auch jeder Bürger
Soldat ist. Solange solche Werte hierzulande weiter gepflegt
werden, werden unsere Söhne und Töchter nie wieder, wie einst
Thomas Legler, „Glanz und Elend“ fremder Despoten teilen müssen. Windisch, 7. Januar 2012 Jürg Stüssi-Lauterburg |